Abschluss des IFiF-Projekts SESiWi
SESiWiDas Forschungsprojekt beschäftigte sich von Januar 2023 bis Dezember 2025 mit der strukturellen Erhöhung der Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen in verschiedenen Bereichen.
Projektziel und Forschungsfrage
Das Ziel des Forschungsprojekts "Strukturelle Erhöhung der Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen an Universitäten, Forschungseinrichtungen und in klassischen und digitalen Medien (SESiWi)” war es, die Mechanismen ungleicher Sichtbarkeit systematisch zu erfassen und darauf aufbauend nachhaltige Strategien zu entwickeln, um die Präsenz von Wissenschaftlerinnen in der Fachöffentlichkeit und in den Medien zu erhöhen. Sichtbarkeit ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für wissenschaftliche Karrieren und beeinflusst sowohl die individuelle Anerkennung und die Förderchancen als auch die Wirkung als Signal für nachfolgende Generationen. Trotzdem bleiben Wissenschaftlerinnen im medialen und institutionellen Diskurs häufig unterrepräsentiert.
Als wirkungsvolle Maßnahme für eine gleichberechtigte Sichtbarkeit hat das Projekt das Gender Equality Tech Tool (GETT) entwickelt. Das Tool analysiert Texte aus der öffentlichen Berichterstattung sowie Pressemitteilungen von Universitäten und wertet diese hinsichtlich der Geschlechterverteilung aus. Zudem wurde eine partizipative Community zur Vernetzung aufgebaut und Workshops sowie Einzelberatungsgespräche zu Zielsetzungen durchgeführt. Zentrale Erkenntnis ist, dass Bewusstsein für Unterschiede in der Berichterstattung, die Verfügbarkeit von Rollenvorbildern und eine reflektierte Medienpraxis geschlechtergerechte Sichtbarkeit fördern.
Methode und Ergebnisse
Um Ansatzpunkte für Maßnahmen wie das GETT zu prüfen, hat das Projekt untersucht, ob Stereotype und der Double Bind, also die widersprüchlichen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen, Ursachen für die geringere Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen sind. Es wurde eine Analyse dazu durchgeführt, wie agentische und kommunale Darstellungen in Nachrichtenartikeln sowie in Bild- und Videomaterial die Wahrnehmung von Kompetenz und Sympathie beeinflussen. In den Studien mit insgesamt über 700 Teilnehmenden zeigten sich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede: Wissenschaftlerinnen erhielten sogar tendenziell höhere Mittelwerte als ihre männlichen Kollegen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die geringere Sichtbarkeit eher auf strukturelle Gründe oder soziale Erwünschtheit als auf eine voreingenommene Wahrnehmung durch das Publikum zurückzuführen ist.
In einer deutschlandweiten Befragung von über 1.700 Teilnehmenden an 109 staatlichen und privaten Hochschulen wurde untersucht, wie Wissenschaftlerinnen ihre eigene Sichtbarkeit und deren Wirkungen erleben. Die Ergebnisse zeigen, dass Forscherinnen in Deutschland von einer geringeren Sichtbarkeit berichten als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie denselben Wunsch nach Sichtbarkeit äußern. Ein zentrales Ergebnis ist, dass eine hohe Sichtbarkeit positiv mit psychologischen Faktoren wie Selbstwirksamkeit, Selbstbewusstsein und dem Gefühl von Zugehörigkeit assoziiert ist, unabhängig vom Geschlecht. Allerdings berichten Wissenschaftlerinnen signifikant häufiger von Angst vor negativen Reaktionen bei erhöhter Sichtbarkeit, was auf internalisierte Stereotype und strukturelle Ungleichheiten im Wissenschaftssystem hindeutet.
Besondere Erlebnisse und Learnings
Im Projektverlauf war besonders beeindruckend, welche enorme Skalierbarkeit mit dem Gender Equality Tech Tool (GETT) erreicht wurde. Insgesamt flossen über 500.000 Artikel aus klassischen Medien sowie über 70.000 Pressemitteilungen von Forschungseinrichtungen in die Analysen ein. So konnten nicht nur punktuelle Auswertungen durchgeführt, sondern auch ein kontinuierliches, belastbares Monitoring etabliert werden. Diese Breite wurde vor allem durch eine modulare, weitgehend automatisierte Pipeline (z. B. Schnittstellen, strukturierte Imports und Crawler) ermöglicht, die auch über das Projektende hinaus betrieben und erweitert werden kann.
Ein zentrales Learning war, Compliance- und IP-Fragen nicht als "Bremse“, sondern als klare Designanforderung zu behandeln. Wenn Daten lokal verarbeitet werden und Rollen sowie Zugriffsrechte transparent geregelt sind, entsteht schneller Vertrauen – und damit auch eine höhere Bereitschaft zur Datenteilung. Methodisch hat sich ein iteratives Vorgehen bewährt: Zunächst wurden Pilots auf ausgewählten Quellen durchgeführt, anschließend erfolgte die Skalierung, begleitet von Qualitätschecks, Monitoring und sauberer Dokumentation. Sehr wertvoll empfand das Projekt außerdem Workshops und individuelle Dashboard-Zugänge, da das Feedback aus der Anwendung direkt in die Weiterentwicklung einfließen konnte.
Transfer
Die Erkenntnisse aus dem GETT und der Studie zur Befragung deutscher Wissenschaftler*innen haben ergeben, dass Frauen in allen Disziplinen nach wie vor weniger sichtbar sind als Männer und mehr Angst vor sozialen Sanktionen haben. Gleichzeitig konnte festgestellt werden, dass Frauen den gleichen Wunsch nach Sichtbarkeit haben wie Männer. Das Projekt gab allen Teilnehmenden der Studie die Möglichkeit, tatsächlich sichtbar zu werden, indem sie ein Porträt ausfüllten.
Insgesamt wurden knapp 200 Porträts deutscher Wissenschaftler*innen eingereicht. 54 % der Rückläufer waren Frauen. Die semantische Analyse der Porträts zeigt keine Unterschiede in der stereotypisierten Selbstdarstellung. Damit lässt sich die geringere Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft nicht durch ein "Supply“-seitiges Phänomen erklären. Frauen wollen sichtbar sein. Zukünftige Forschung sollte sich daher mit der Frage beschäftigen, wie Wissenschaftlerinnen "richtig” sichtbar werden können und welche strukturellen Anpassungen erforderlich sind, damit Frauen keine Angst vor Sanktionen haben müssen. Über das GETT wird die Sichtbarkeit deutscher Wissenschaftler*innen fortlaufend erfasst und ist für alle kostenlos zugänglich.
Autor*innen: Alexandra Abler, Nadja Born, Simon Hochstraßer, Sara Kappelhoff, Joe Yu