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Making the Invisible Visible

Mit einem hochkarätig besetzten Panel veranstaltete die Botschaft Frankreichs am 11. Feb einen französisch-deutschen Dialog mit Expert*innen zum Thema (Un-)Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft.

In einem Stuhlhalbkreis sitzen folgende Expert*innen und diskutieren: v.l.n.r.: Prof. Dr. Julia Sacher; Dr. Clémence Perronnet; Gesine Born; Prof. Dr. Elisabeth Bouchaud; Prof. Dr. Jutta Allmendinger; Prof. Dr. Elyès Jouini
v.l.n.r.: Prof. Dr. Julia Sacher; Dr. Clémence Perronnet; Gesine Born; Prof. Dr. Elisabeth Bouchaud; Prof. Dr. Jutta Allmendinger; Prof. Dr. Elyès Jouini

Am 11. Februar 2026, dem Internationalen Tag für Frauen und Mädchen in der Wissenschaft, führte die Französische Botschaft in Berlin gleich mehrere Veranstaltungen rund um den Gedenktag durch – von der Aufführung eines Theaterstücks über (un)bekannte Wissenschaftlerinnen über einen Expert*innenworkshop bis zu einer abschließenden Paneldiskussion.

In seiner Eröffnungsrede zur Abendveranstaltung steckte der französische Botschafter François Delattre den Rahmen ab: Die Unterrepräsentation von Frauen in der Wissenschaft bewirke, dass nur ein Teil der besten Köpfe wissenschaftlichen Fragen nachgehen kann und wissenschaftliche Methoden entwickelt und anwendet. Das beeinträchtige die Qualität von Forschung und Wissenschaft. Die Förderung von Frauen in der Wissenschaft trage zu mehr Diversität in der Wissenschaft bei, sodass alle Formen von Ungleichheit bekämpft und soziale Kohäsion gefördert würden.

„Die Wissenschaft ist ein sehr wichtiges Allgemeingut“, betonte Prof. Dr. Fatma Deniz in ihrer Keynote. Aber wer entscheidet eigentlich, welche Forschungsfragen relevant sind, was exzellent ist und wer mit der eigenen Forschung sichtbar wird? Aus ihrer Forschung berichtete sie, dass neue Entdeckungen und Innovationen meist unter ganz bestimmten Bedingungen erfolgen: Fortschritt passiert, wenn unterschiedliche Signale und Impulse zum richtigen Zeitpunkt zusammenkommen („alignment“); und das setzt voraus, dass die Impulse und Erkenntnisse von diversen Menschen zusammengetragen werden. Eher selten passiert Fortschritt linear und noch seltener ist eine einzige Person allein für wesentliche Innovationen verantwortlich.

In drei Sessions diskutierten dann je ein*e Expert*in aus Deutschland und Frankreich zunächst im Zweierdialog einzelne Fragen; abschließend kamen alle Expert*innen in einem Panel zu sechst zusammen. Hier einige Eindrücke aus der Diskussion:

Worin liegen einige der zentralen Herausforderungen in der Sichtbarmachung von Frauen in der Wissenschaft?

Sowohl Prof. Dr. Elyès Jouini als auch Dr. Clémence Peronnet wiesen darauf hin, wie früh die Selbstselektion von Mädchen, insbesondere in MINT-Fächern, einsetzt – schon ca. sechs Monate nach der Einschulung seien deutliche Unterschiede feststellbar, in dem, was Mädchen und Jungen sich diesbezüglich zutrauen. Unglücklicherweise setze hier der Teufelskreis einer „self-fulfilling prophecy“ ein, wonach Mädchen zunächst denken, dass sie in gewissen Fachgebieten weniger kompetent seien, weil ihnen keine weiblichen Vorbilder in diesem Bereich bekannt sind, und dann aufgrund dieser Vorannahme tatsächlich schlechter abschneiden in fachlichen Tests. Sobald die Testsituationen aber nicht mehr als MINT- oder sonstiges wissenschaftliches Fach, sondern strategisch anders betitelt werden, schneiden Mädchen im identischen Test gleich gut oder besser ab als Jungen. So werden die – faktisch unzutreffenden – Stereotype Frauen seien für die Wissenschaft nicht geeignet, immer wieder befeuert. Das hat zur Folge, dass weniger Frauen eine wissenschaftliche Karriere einschlagen. Und dieser Kreislauf setzt sich immer weiter fort: Solange Frauen in der Wissenschaft nicht gesehen und gehört werden, bleiben sie eine Minderheit. Das Phänomen der „Leaky Pipeline“, also dass Frauen auf dem Weg von der Promotion zu den höchstdotierten Professuren trotz exzellenter Leistungen verloren gehen, findet sich sowohl in Frankreich als auch in Deutschland.

Wie Prof. Dr. Jutta Allmendinger betonte, stellt das Steuersystem (Ehegattensplitting) nach wie vor eine sehr große Hürde für weibliche Karrieren dar. Leider werde es in der Politik weiterhin vernachlässigt, diese und andere Erkenntnisse und Maßnahmen umzusetzen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb des Wissenschaftssystems eine deutlich größere Chancengleichheit für Frauen herstellen könnten.

Welche Maßnahmen können diese Herausforderungen adressieren?

Die Entwicklung in der Max-Planck-Gesellschaft hat gezeigt, dass Quotenregelungen echte Erfolge erzielen können. Genauso bilden verlässliche Care-Strukturen im gesamten Bildungssystem für Eltern, und insbesondere für Frauen, eine unabdingbare Voraussetzung für eine Karriere – nicht nur in der Wissenschaft, wie Dr. Clémence Perronnet betonte. Dies wird durch die hohe Erwerbsquote von Müttern in Frankreich bestätigt.

Ein weiteres gutes Beispiel erwähnte Prof. Dr. Elyès Jouini von der Universität Marseille: Hier wurde in einem Auswahlkomitee für ein Stellenbesetzungsverfahren unmittelbar vor dem Beginn des Auswahlverfahrens ein Anti-Bias-Training durchgeführt. Dies führte zu einem messbar höheren Frauenanteil bei den ausgewählten Frauen.

Welche Rolle kann die künstlerische Intervention bei der Sichtbarmachung von Frauen in der Wissenschaft spielen?

Prof. Dr. Elisabeth Bouchaud erläuterte, dass Kunst – egal in welcher Form – das Problem der Unsichtbarkeit von Frauen auf einzigartige Weise zugänglich mache. Besonders wirksam sei dies, wenn Mädchen schon in einem sehr jungen Alter mit der Thematik konfrontiert würden. Das Sprechen auf einer Bühne bewirke beispielsweise, dass sich Mädchen und Frauen ein Thema zu eigen machen und selbstbewusster und selbstverständlicher damit umgehen.

Die „versäumten Bilder“, die Gesine Born mit den KI-generierten Fotos erstellt, sind ein weiterer sehr eindrucksvoller Weg, um die fehlende Anerkennung von Wissenschaftlerinnen und anderen innovativen Frauen greifbar zu machen. Die Bilder sprechen die Betrachter*innen auf eine besondere, emotionale Art an und werden manchmal auch kontrovers diskutiert. Aber gerade die Emotionalität ermöglicht einen starken Zugang zum Thema sowie zu den individuellen Frauenbiografien, sodass die „versäumten Bilder“ einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarmachung des bisher Unsichtbaren leisten.

In besonderer Erinnerung blieb der Satz von Prof. Deniz, der gleichzeitig als Handlungsmaxime dienen kann:

“If we want to change the future, we have to live as though it was already here.”

Christina Rouvray, Projektleiterin Metavorhaben “Innovative Frauen im Fokus“, nahm an der Veranstaltung „Making the Invisible Visible“ in der französischen Botschaft in Berlin teil.