Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen: KI und Geschlecht
Prof:in SichtDie Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen stand im Fokus der Tagung der lakog Niedersachsen. Das IFiF Projekt Prof:inSicht setzte mit Vorträgen zu strukturellen Hürden und zur Rolle von KI Impulse.
Wie beeinflussen strukturelle Rahmenbedingungen und digitale Technologien die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen? Diese Frage stand im Zentrum der Jahrestagung der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen in Niedersachsen (lakog) am 11. Februar 2026. Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen ist ein Kernthema der Förderrichtlinie „Innovative Frauen im Fokus“ (IFiF). Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt fördert über 30 Projekte, die Gaps identifizieren, Mechanismen von Unsichtbarkeit erforschen und Lösungsvorschläge erarbeiten und direkt umsetzen. Die Projekte leisten somit einen zentralen Beitrag zur Erhöhung der Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft.
Eines der IFiF-Projekte, Prof:inSicht der Hochschule München, hat sich mit der Sichtbarkeit von Professorinnen an Hochschulen für angewandte Wissenschaften beschäftigt. Mit einem interdisziplinären Ansatz beleuchtete das Projekt die Indikatoren für Sichtbarkeit, insbesondere auch im digitalen Raum. Aus den Forschungsergebnissen wurden Handlungsempfehlungen abgeleitet, die in den Konfigurator „Mein Weg zu mehr Sichtbarkeitt" eingeflossen sind.
Sichtbarkeit als Voraussetzung für Fairness und Vielfalt
In ihrer Keynote verdeutlichte Ronja Philipps (Hochschule München, Projekt Prof:inSicht), warum Sichtbarkeit im Wissenschaftssystem nicht nur symbolische Bedeutung hat, sondern zentrale Karrierefaktoren prägt. Sichtbare Wissenschaftlerinnen wirken als Role Models, ermöglichen Normverschiebungen und erweitern die Perspektivenvielfalt. Ein zentraler Punkt für innovative Forschung und eine faire Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen.
Die empirischen Ergebnisse ihres Projekts zeigen jedoch, dass Sichtbarkeitshandeln von Wissenschaftlerinnen an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) vielfältigen Herausforderungen unterliegt.
Dazu gehören:
- Konflikte zwischen Sichtbarkeit und gesellschaftlichen Erwartungen an Weiblichkeit
- Einschränkungen durch Care‑Arbeit
- Formen der Hypervisibilität, insbesondere in männlich dominierten Fachbereichen
- Häufige negative Erfahrungen wie Missachtung oder das grundsätzliche Infragestellen von Kompetenz
Über 50 Prozent der befragten Wissenschaftlerinnen berichteten, für inkompetent gehalten worden zu sein – ein Befund, der strukturelle Muster offenlegt.
Philipps betonte, dass Hochschulen hierbei eine aktive Rolle übernehmen sollten: durch Schutzmaßnahmen, gendersensible Kommunikationsprozesse und das gezielte Schaffen von Bühnen für Wissenschaftlerinnen. Genderkompetenz in Teams, transparente Kriterien etwa für Preisvergaben oder die Vermittlung von Expert*innen seien wesentliche Schritte, um Sichtbarkeit fair zu gestalten. Hier kommt insbesondere der Hochschulkommunikation eine wichtige Rolle zu. Trotz bestehender Widerstände sei die Motivation, sichtbar zu werden, bei vielen Wissenschaftlerinnen groß – insbesondere, um ihre Inhalte und Forschungsergebnisse zu präsentieren.
KI zwischen Potenzial und Verzerrung
Im zweiten Hauptvortrag beleuchtete Prof. Dr. Stephanie Thiemichen, ebenfalls vom Projekt Prof:inSicht, die Rolle von Künstlicher Intelligenz für Sichtbarkeit in der Wissenschaft. Sie zeigte auf, dass KI‑Systeme erhebliche Risiken bergen können: von Halluzinationen – fiktiven Fakten und Quellen – über mangelnde Nachvollziehbarkeit („Black Box“) bis hin zu Datenschutzfragen und reproduzierten Bias in Trainingsdaten.
Gerade weil viele Modelle mit großen, heterogenen Datenmengen aus dem frei verfügbaren Internet trainiert wurden, können Vorurteile verstärkt statt abgebaut werden.
Das Projekt untersuchte zudem die Auffindbarkeit von Professorinnen in Fachdatenbanken. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Viele wissenschaftliche Profile waren schwer zugänglich oder nicht über relevante Suchbegriffe zu finden. Prof. Thiemichen empfahl daher, Publikationen und Datenbankeinträge konsequent mit passenden Keywords zu versehen, um in Recherchen – etwa durch Journalist*innen – sichtbar zu werden.
Gleichzeitig verdeutlichte sie das Potenzial von KI: Diese Systeme können die Wissenschaftskommunikation unterstützen, etwa beim Zusammenfassen oder Aufbereiten von Texten. Erwartungen an gendergerechte Sprache oder faire Formulierungen lassen sich über Prompts steuern und können so langfristig sogar zu verbesserten Trainingsdaten beitragen.