meta-IFiF

(Un-)Sichtbarkeit von BiPoC+ FLINTA*

BiPoC Frauen

Im ersten IFiF-Impulse Vortrag des Semesters bietet das Projekt "BiPoC Frauen" Einblicke in die Erforschung der Ambivalenz von Sichtbarkeit von BiPoC+ FLINTA*- Lehrenden an Kunsthochschulen.

Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch Anerkennung, sondern kann auch negative Seiten haben, z.B. das Gefühl von Überwachung und Kontrolle, insbesondere bei marginalisierten Gruppen. Dieses Spannungsverhältnis stand im Mittelpunkt des IFiF-Impulse-Vortrags "Critical Faculties: BiPoC+  FLINTA* an Kunsthochschulen. Künstlerische und wissenschaftliche Forschung im Dialog".

Die Referentinnen Anujah Fernando und Ülkü Süngün stellten das Projekt vor, welches sich mit der Ambivalenz von Sichtbarkeit von BiPOC+ FLINTA* an Kunsthochschulen auseinandersetzt. Das Projekt ist an der UdK Berlin sowie der HfG Karlsruhe angesiedelt und arbeitet in Kooperation mit weiteren Kunsthochschulen.  

Ziel des Projekts ist es, strukturelle Ungleichheiten und Mechanismen der (Un-)Sichtbarkeit von BiPoC+  FLINTA* an Kunsthochschulen systematisch zu untersuchen und auf dieser Basis praxisnahe Handlungsempfehlungen für den Abbau dieser Hindernisse zu entwickeln. 

Zentrale Begriffe und theoretische Zugänge 

Ein zentraler theoretischer Bezugsrahmen ist der Intersektionalitätsbegriff nach Kimberlé Crenshaw, der überlagernde Diskriminierungsformen, insbesondere entlang von Rassismus und Geschlecht, thematisiert. Frauen und insbesondere BiPoC+ FLINTA* sind häufig in stereotypisierten Rollen sichtbar und werden seltener als individuelle Subjekte wahrgenommen. Gesehen zu werden bedeutet hier nicht automatisch Anerkennung, sondern ist oft verbunden mit Überwachung und Diskriminierung, da BiPoC+ FLINTA* als Wissensproduzent*innen oft als nicht glaubwürdig wahrgenommen werden. Ein Gegenkonzept stellt der Begriff der Opazität dar: das Recht, sich der Vereindeutigung und instrumentellen Sichtbarmachung zu entziehen. 

Methodik und erste Erkenntnisse 

Für Deutschland fehlt eine systematische Untersuchung dieses Themenfeldes. Genau hier setzt das Projekt an. Um den Schutz von Persönlichkeitsrechten zu wahren, entschied sich das Projekt für die Methode der systematischen Fallkonstruktion. Die Datenerhebung erfolgt mittels Gruppendiskussionen, narrativ-biografischen Interviews und teilnehmender Beobachtung.  

Aus den ersten bereits durchgeführten Fallanalysen wurden drei zentrale Thesen abgeleitet:  

  1. Rassifizierte Körper werden im institutionellen Rahmen hypervisibel, während strukturelle Gewalt unsichtbar bleibt. 
  2. Institutionelle Reaktionen auf Rassismus bleiben häufig nicht-performativ, also folgenlos. 
  3. Institutionelle Defizite werden oft durch zusätzliche, unbezahlte „Diversity-Arbeit“ der marginalisierten Personen selbst kompensiert. 

Ergänzend zur wissenschaftlichen Forschung wurden Einblicke in die künstlerische Forschung gegeben. Diese versteht künstlerische Praxis als eigenständige Erkenntnismethode, bei der eine Erfahrbarkeit komplexer sozialer Prozesse ermöglicht wird. Vorgestellt wurden verschiedene Forschungsschwerpunkte, unter anderem "Wissensproduktion und Archive" sowie "Decoding the Colonial Algorithm", die sich mit algorithmischer Sichtbarkeit und der Sichtbarmachung von vergessenen Kolonialverbrechen auseinandersetzen. 

Abschließend wurde ein Ausblick auf zukünftige Aktivitäten des Projekts gegeben, darunter eine Ausstellung, ein internationales Symposium und eine Publikation, die 2027 anstehen. Langfristiges Ziel des Projekts ist es, die Bedingungen sichtbar zu machen, unter denen marginalisierte Lehrende an Kunsthochschulen arbeiten und Impulse für institutionelle Veränderungen zu setzen. Sichtbarkeit soll dabei nicht mit erhöhter Vulnerabilität, sondern mit tatsächlicher Teilhabe einhergehen.