Weniger als eine von zehn Gründer*innen ist eine Frau
Die Studie des Europäischen Patentamts (EPA) zeigt, dass die Zahl der Frauen in MINT-Berufen zunimmt, der Anteil von Erfinderinnen in Europa jedoch nur geringfügig gestiegen ist.
Die Beobachtungsstelle für Patente und Technologie des Europäischen Patentamts (EPA) hat eine neue Studie zu Frauen in MINT-Berufen veröffentlicht. Sie belegt den langsamen Fortschritt und die bestehenden Lücken in den Bereichen Innovationstätigkeit, Deep-Tech-Unternehmertum, Patentberufe sowie in den Karrierewegen promovierter Wissenschaftlerinnen. Der Bericht "Advancing women in STEM" liefert fundierte, europaweite Erkenntnisse zur Unterstützung der EU-Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter, der Ziele des Europäischen Forschungsraums und Europas Bestrebungen, die technologische Souveränität im Rahmen der Neuen Europäischen Innovationsagenda zu stärken.
Europa kann nur davon profitieren, die Beteiligung von Frauen an Innovationen zu stärken. Diversität ist kein Luxus, sondern der Treibstoff für bahnbrechende Innovationen. Diese Studie deckt weiterhin bestehende Hindernisse auf unserem Weg zum Fortschritt auf, damit Europa sein volles Innovationspotenzial in Forschung, Patentierung und Unternehmertum ausschöpfen kann. ...
Die Studie zeigt, dass der Anteil von Erfinderinnen in Europa in den letzten Jahren nur geringfügig gestiegen ist: Im Jahr 2022 erreichte er 13,8 % (gegenüber 13 % im Jahr 2019). Obwohl Frauen zunehmend in Erfinderteams vertreten sind, werden sie weiterhin deutlich seltener als Einzelerfinderinnen genannt, was auf anhaltende strukturelle Barrieren hinweist. Auf Länderebene weisen Portugal und Spanien vielversprechende Trends mit den geringsten Unterschieden auf.
Bei den Deep-Tech-Unternehmern sind Frauen weiterhin stark unterrepräsentiert
Besonders ausgeprägt ist die Geschlechterkluft bei patentierenden Startups. Nur 13,5 % der Startups mit Patenten verfügen über mindestens eine Gründerin. Die Unterschiede innerhalb Europas sind erheblich: Spanien, Portugal und Irland weisen die höchsten Beteiligungsquoten auf, während die Niederlande, Österreich und Deutschland die niedrigsten verzeichnen. Diese Ergebnisse fallen zeitlich mit der EU-Industriestrategie und dem Europäischen Innovationsrat (EIC) zusammen, welche die Bedeutung inklusiver Innovationsökosysteme zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas in strategischen Technologien betonen.
Jüngere Startups weisen einen höheren Anteil an Gründerinnen auf (14 % in dieser Gruppe gegenüber rund 5.9 % bei Unternehmen, die älter als 20 Jahre sind), was darauf hindeutet, dass neu gegründete Startups diverser werden. Unternehmen, die von Frauen mitgegründet wurden, sehen sich aber offenbar größeren Herausforderungen beim Wachstum gegenüber: In den späteren, fortgeschritteneren Finanzierungsrunden sinkt der Frauenanteil.
Wachsende Ungleichheiten und ungenutztes Innovationspotenzial
In allen Ländern sind Frauen unter promovierten Absolvent*innen mit Patentanmeldungen weiterhin unterrepräsentiert, obwohl sie auf Doktorandenebene durchaus stark vertreten sind. Die Kluft vergrößert sich auf jeder Stufe des Berufsweges und spiegelt eine anhaltend "undichte Pipeline" (“Leaky Pipeline”) wider. Diese wird besonders deutlich, wenn Forschende die Kommerzialisierung ihrer Erfindungen anstreben. Die Studie zeigt außerdem, dass Forschungen von Frauen ein vergleichbares Innovationspotenzial wie die von Männern aufweisen. Dies deutet darauf hin, dass die geringere Beteiligung von Frauen an Patentanmeldungen nicht auf mangelnde Qualität der Forschungsergebnisse zurückzuführen ist, sondern vielmehr auf soziale, institutionelle und wirtschaftliche Faktoren, die ihre Karrierechancen prägen.
Die Beteiligung von Frauen variiert stark je nach Technologiefeld. Pharmazeutika (34,9 %), Biotechnologie (34,2 %) und Lebensmittelchemie (32,3 %) weisen den höchsten Anteil an Erfinderinnen auf, was die stärkere Präsenz von Frauen insbesondere bei Forschungen im Bereich "Life Sciences" widerspiegelt. Im Gegensatz dazu weisen einige der patentintensivsten Bereiche der Ingenieurswissenschaften die niedrigsten Werte auf: Werkzeugmaschinen (5,7 %), grundlegende Kommunikationsprozesse (5,5 %) und mechanische Bauteile (4,9 %) bilden das Schlusslicht. Universitäten und öffentliche Forschungseinrichtungen weisen mit Abstand den höchsten Anteil an Erfinderinnen (24,4 %) auf, während KMU und Einzelantragsteller die niedrigsten Beteiligungsquoten zeigen.
Die Lücke in den Patentberufen schließen
Die Studie beleuchtet die Rolle von Frauen in Wissenschaft und Innovation aus verschiedenen Perspektiven – und geht dabei über das Erfindertum hinaus. Sie zeigt, dass Frauen auch in den Berufen, die das Innovationssystem am Laufen halten, zunehmend präsent sind: Mittlerweile stellen Frauen 29,2 % der europäischen Patentanwälte, Tendenz steigend. Diese positiven Entwicklungen unterstützen die europaweiten Bemühungen, Vielfalt und Inklusion in Wissenschaft und Technologie zu fördern.