Projekt im Fokus: Gender-Innovationen

Das Forschungsvorhaben "Gender-Innovationen in den Sozial- und Geisteswissenschaften: Organisationen und Lehre im Fokus" untersucht, welchen Einfluss die vor allem von Frauen entwickelte Erkenntniskategorie Gender in den Sozial- und Geisteswissenschaften hat, insbesondere im Hinblick auf soziale und politische Veränderungen, die für mehr Chancengerechtigkeit innerhalb und außerhalb der Wissenschaft notwendig sind. Im Fokus stehen die Fächer Soziologie, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Geschichtswissenschaft und Philosophie. Sie gelten als zentrale Disziplinen, um gesellschaftliches Zusammenleben und kulturelle Entwicklungen zu verstehen, und spielen deshalb eine wichtige Rolle für die Herstellung und Durchsetzung von Chancengerechtigkeit.  

meta-IFiF sprach mit Projektleiterin Prof. Dr. Heike Kahlert über das Forschungsprojekt und erste Erkenntnisse. 

Ein Schwerpunkt Ihrer Forschung liegt auf der Frage, ob das Thema Gender in Lehr- und Einführungsbüchern von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern eine Rolle spielt. Welche Ergebnisse liegen bereits vor? 

Wir untersuchen die Lehr- und Einführungsbücher in ausgewählten sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern hinsichtlich vier Genderdimensionen, nämlich erstens der Partizipationspraxis an der Autor*innen- bzw. Herausgeber*innenschaft, zweitens in der Repräsentation der Partizipation in Zitationen, Registern, Literaturverzeichnissen und in visuellen Darstellungen, drittens als Thema bzw. Objekt und viertens als Erkenntniskategorie.  

Die Ergebnisse zur Partizipationspraxis an der Autor*innen- bzw. Herausgeber*innenschaft nach Geschlecht und Status belegen die männliche und professorale Dominanz sowohl bezüglich der Autor*innenschaft der Monografien bzw. Koautor*innenwerke und der Aufsätze in Herausgabewerken als auch der Herausgeber*innenschaft der Sammelwerke. Professoren und vereinzelt auch männliche Mitglieder des Mittelbaus sind als Autoren und als Herausgeber deutlich sichtbar und prägen also den in Lehr- und Einführungsbüchern gespiegelten disziplinären Kanon. Demgegenüber sind hier Professorinnen und der weibliche wissenschaftliche Mittelbau weitgehend unsichtbar. Dies zeigt sich auch hinsichtlich der Repräsentation der Partizipation, also etwa in den Zitationen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten, Registern und Abbildungen und ebenfalls, sofern in Literaturverzeichnissen das Geschlecht über die Vornamen ausgewiesen ist, diesbezüglich. 

Als Thema und Erkenntniskategorie ist Gender kaum präsent, und wenn, dann größtenteils in separaten Abschnitten und/oder Teilkapiteln, nicht aber als durchgängig für die verhandelten Sachverhalte relevant gemacht.

Mit dem zweiten Schwerpunkt Ihres Forschungsprojekts richten Sie den Blick auf die Frage, wie Frauen und Gender als Thema und Erkenntniskategorie zur Weiterentwicklung sozial- und geisteswissenschaftlicher Fächer und ihrer Fachgesellschaften beitragen. Was haben Sie diesbezüglich herausgefunden? 

In allen von uns untersuchten Fächern haben sich Frauen in eigenen wissenschaftlichen Organisationen zusammengeschlossen, um ihr jeweiliges Fach und zum Teil auch die zugehörige(n) Fachgesellschaft(en) zu verändern. Dieses Unternehmen startete teilweise bereits in den 1970er Jahren, zum Teil auch erst in den 1990er Jahren. Über ihre Zusammenschlüsse in Untergliederungen der Fachgesellschaften oder auch als autonome Organisationen ist bislang aber nur wenig bekannt. Das beginnt bereits damit, dass die einzelnen wissenschaftlichen Organisationen von Frauen ihre umfangreiche, durchweg ehrenamtliche und finanziell zumeist nicht kontinuierlich gesicherte Arbeit kaum fortlaufend dokumentieren, geschweige denn öffentlich sichtbar machen, sieht man mal von den von ihnen veranstalteten Konferenzen und herausgegebenen Büchern bzw. Buchreihen ab. Daher arbeiten wir vor allem erst einmal daran, die Bildung und Entwicklung der betreffenden wissenschaftlichen Organisationen von Frauen bis heute zu rekonstruieren und perspektivisch sichtbar zu machen.  

Ein weiteres Ergebnis unserer laufenden Forschung ist, dass es den untersuchten Organisationen zentral darum geht, aktiv den wissenschaftlichen Diskurs unter ihren vornehmlich oder ausschließlich weiblichen Mitgliedern zu fördern und deren Forschungsergebnisse in Veranstaltungen und Publikationen öffentlich sichtbar zu machen. Zumeist wird hierfür eine Doppelstrategie verfolgt: einerseits eine von Frauen und Genderthemen geprägte Fachöffentlichkeit herzustellen und zu stärken, durchaus auch als Gegenöffentlichkeit, und andererseits sich kollektiv in die männlich geprägte Fachöffentlichkeit einzumischen, hier feministisches Wissens zu platzieren sowie gleichstellungspolitische Sensibilität und Aktivitäten einzufordern.  

Welche Folgen hat es für Forschung und Lehre, wenn Frauen und Genderforschung nur begrenzt präsent sind? 

Frauen und Genderforschung sind ja durchaus in den Fächern und im Wissenschaftssystem präsent, wenngleich hier durchaus in quantitativer und qualitativer Hinsicht noch "Luft nach oben" ist. Es hakt zudem an der Anerkennung der vorhandenen Frauen und der Genderforschung. Die vorhandene Präsenz scheint sich eher auf eigene Räume zu erstrecken, die man(n) übersehen kann und durchaus auch gern übersieht.

Mal abgesehen von den seit einiger Zeit auch im Wissenschaftssystem (wieder) erstarkenden Angriffen auf die Genderforschung und ihre Vertreter*innen, ist mein Eindruck, dass wir es hier mit einer Art Kopräsenz zu tun haben: Frauen und Genderforschung werden geduldet, ohne tatsächlich integriert zu werden, und Duldung schlägt spätestens dann in Ab- bzw. Gegenwehr um, wenn es um die Verteilung von Stellen, finanziellen Mitteln und Räumen geht.

Dabei bringt sich die Forschung – und zwar in allen Fächern – selbst um an- und aufregende Erkenntnismöglichkeiten, wenn sie Wissenschaftlerinnen nicht als gleichwertig einbezieht und genderbezogene Fragen kaum oder gar nicht berücksichtigt. Damit nicht genug: Da Forschung ja nicht nur um der Forschung willen betrieben wird, sondern auch Wissen für andere Bereiche außerhalb der wissenschaftlichen Organisationen zur Verfügung stellt und das Handeln hier informieren kann und soll, werden auch diesbezüglich Erkenntnis- und Innovationspotenziale verschenkt. Die Lehre ist der Ort, an dem Studierende für die sogenannte außerwissenschaftliche Praxis und auch künftige Wissenschaftler*innen ausgebildet werden. Wenn sie im Studium nichts oder wenig über Gender lernen oder lediglich mit dem alltäglichen Geschlechterwissen der Hochschullehrenden konfrontiert werden, bleibt ihr Wissenserwerb hinter dem verfügbaren wissenschaftlichen Wissen zurück. Diese Praxis, auf vorhandenes Wissen zu verzichten, wäre wohl kaum in anderen Wissenschaftsbereichen denkbar und spricht letztlich auch weder für qualitativ hochwertige Forschung noch für qualitativ hochwertige Lehre. 

An wen richten sich Ihre Ergebnisse und Handlungsempfehlungen und inwiefern lassen sich diese auf andere Fachgebiete übertragen?  

Unsere Ergebnisse und Handlungsempfehlungen richten sich zunächst an die sozial- und geisteswissenschaftlichen Fachgesellschaften der von uns untersuchten Fächer: Diese bilden die Orte, an denen das fachbezogene wissenschaftliche Wissen entwickelt und weiterentwickelt wird und in denen neue Forschungslinien, Fragestellungen und Erkenntnismöglichkeiten erkundet und diskutiert werden. Die Ergebnisse richten sich aber auch an die von uns untersuchten wissenschaftlichen Organisationen, deren Arbeit und Wirken wir sichtbarer machen möchten. Vielleicht geben sie auch fachliche und politische Anstöße für die Weiterarbeit, eventuell auch im Hinblick auf Kooperationen mit anderen wissenschaftlichen Organisationen von Frauen.  

Darüber hinaus richten sich unsere Ergebnisse aber auch an Fachgesellschaften anderer Fächer und die Wissenschaftspolitik, für die die Fachgesellschaften ein wichtiger Ansprechpartner sind, etwa bezüglich der Fachkollegien in der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Hier bestehen durchaus noch Spielräume in der Anerkennung von Wissenschaftlerinnen und deren wissenschaftlichen Leistungen, gerade auch hinsichtlich genderbezogener Fragen. Der Wissenschaftsrat hat in seinen 2023 vorgelegten „Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in Deutschland“ zwar viele gute Vorschläge unterbreitet, in diesem Zusammenhang die Fachgesellschaften als wissenschaftliche Akteurinnen interessanterweise aber nicht adressiert. 

Welche Veränderungen halten Sie für notwendig, um genderbezogene wissenschaftliche Leistungen von Frauen nachhaltiger anzuerkennen und zu verankern? 

Der Wissenschaftsrat hat in seinen bereits erwähnten Empfehlungen viele gute Vorschläge zur weiteren Entwichlung und nachhaltigen Verankerung insbesondere der Genderforschung vorgelegt. Wenn all dies zeitnah umgesetzt wird, ist schon viel gewonnen! Wünschenswert wäre, dass hier in angemessenem Abstand zu den vorgelegten Empfehlungen geprüft wird, bspw. nach fünf Jahren, was daraus geworden ist, also ob und inwiefern es zu einer weiteren Verankerung der Genderforschung im deutschen Wissenschaftssystem gekommen ist und gegebenfalls welche wissenschaftspolitische Unterstützung hierfür zukünftig notwendig wäre. Zudem braucht es gerade auch zu den Fragen der Anerkennung von Frauen in der Wissenschaft und der Verankerung ihrer genderbezogenen wissenschaftlichen Leistungen weitere Forschungen, um über entsprechend förderliches politisches Handeln fundiert zu informieren. Schließlich sollte den derzeit um sich greifenden Angriffen auf die Wissenschaftsfreiheit, insbesondere der Genderforschung, entschieden entgegengetreten werden. Diese Angriffe gefährden nicht nur den erreichten Status quo, sondern auch die Grundlagen von Forschung und Lehre sowie darüber hinaus des Gemeinwesens insgesamt. Geschlechtergerechtigkeit ist eine Säule der Demokratie; ihre Verwirklichung ist ohne genderbezogene Forschung und Lehre und die Anerkennung der diese voranbringenden Protagonist*innen nicht möglich.