Projekt im Fokus: GREEN
Welche Rolle spielt Geschlechterdiversität für die ökologische Transformation? Dieser Frage geht das IFiF-Projekt "GREEN – Frauen gestalten die ökologische Transformation" nach. Das Projekt untersucht, ob und wie Geschlechterdiversität in Unternehmensführungen, nationalen Parlamenten und unter Investor*innen mit ökologischer Nachhaltigkeit zusammenhängt.
Neben der wissenschaftlichen Analyse setzt GREEN gezielt auf Sichtbarkeit: Mit Formaten wie der Kampagne "GREEN Startups – Frauen GRÜNden" und der Beitragsreihe "GREEN Insights – Wissenschaft verständlich gemacht" macht das Projekt Frauen in der ökologischen Transformation sowie aktuelle Forschungsergebnisse für eine breite Öffentlichkeit sichtbar.
Im Interview geben die Projektverantwortlichen Lukas Schmidt und Tomke Hartmann Einblick in ihre Arbeit, zentrale Erkenntnisse und die entwickelten Kommunikationsformate.
Im Projekt GREEN geht es um ökologische Transformation. Was genau ist damit gemeint und warum ist es so wichtig, dabei Geschlechterdiversität mitzudenken?
Unter ökologischer Transformation verstehen wir den strukturellen Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu nachhaltigeren Produktions-, Finanzierungs- und Governance-Strukturen. Dabei geht es nicht nur um technologische Innovationen, sondern auch um Veränderungen in institutionellen Rahmenbedingungen, Entscheidungsprozessen und wirtschaftlichen Anreizsystemen.
Im Projekt “GREEN – Frauen gestalten die ökologische Transformation“ untersuchen wir, welche Rolle Frauen in diesen Transformationsprozessen spielen. Geschlechterdiversität ist hierbei aus mehreren Gründen relevant. Zum einen zeigen zahlreiche Studien, dass divers zusammengesetzte Führungsgremien häufig differenziertere Perspektiven in Entscheidungsprozesse einbringen und langfristig orientierte Strategien fördern. Zum anderen sind Frauen in vielen Schlüsselpositionen der Green Economy bislang noch unterrepräsentiert, obwohl sie bereits heute wichtige Beiträge zur Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle und Governance-Strukturen leisten.
Ein zentrales Anliegen von GREEN ist es daher, diese Beiträge systematisch sichtbar zu machen und wissenschaftlich zu untersuchen, welchen Einfluss Frauen auf nachhaltige Innovationen und Transformationsprozesse haben.
Im Projekt werden drei Forschungsschwerpunkte näher beleuchtet. Welche sind das und warum wurden genau diese ausgewählt?
Das Projekt konzentriert sich auf drei zentrale Bereiche: Finanzen, Steuern und Corporate Governance. Diese wurden bewusst ausgewählt, weil sie entscheidende Hebel für die Gestaltung der ökologischen Transformation darstellen.
Finanzen spielen eine Schlüsselrolle, da nachhaltige Transformation maßgeblich davon abhängt, wie Kapitalströme gelenkt werden. Investitionsentscheidungen bestimmen, welche Technologien, Geschäftsmodelle und Innovationen wachsen können. In unserer eigenen Forschung untersuchen wir dies konkret anhand von Startup-Finanzierungen: Unsere Analyse zu Business Angels zeigt, dass Geschlechterdynamiken eine wichtige Rolle bei Investitionsentscheidungen spielen, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zu Kapital für Gründerinnen. Damit leisten wir einen Beitrag zum Verständnis, wie Finanzierungsstrukturen nachhaltige Innovationen beeinflussen können.
Steuern sind ein zentraler politischer Steuerungsmechanismus. Steuerinstrumente können Anreize für nachhaltige Produktion und Konsum schaffen, etwa durch Umweltsteuern oder steuerliche Förderungen für nachhaltige Investitionen. In unserer Forschung zu Umweltsteuern analysieren wir erstmals global, welche Faktoren die Einführung solcher Steuern bestimmen. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass die politische Repräsentation von Frauen die Wahrscheinlichkeit der Einführung erhöhen, während Steuerwettbewerb diese eher hemmt. Damit liefern wir konkrete Evidenz zu den politischen und institutionellen Bedingungen nachhaltiger Steuerpolitik.
Corporate Governance betrifft die Strukturen und Entscheidungsprozesse innerhalb von Unternehmen. Führungsgremien und Managemententscheidungen beeinflussen, inwieweit Nachhaltigkeit strategisch im Unternehmen verankert wird. In diesem Bereich führen wir eine systematische Literaturübersicht durch, die den Zusammenhang zwischen Board Gender Diversity und Corporate Environmental Responsibility untersucht. Ziel ist es, bestehende empirische Befunde, theoretische Mechanismen und methodische Ansätze zu integrieren und eine konsolidierte Forschungsagenda abzuleiten.
Diese Bereiche bilden zusammen zentrale institutionelle Rahmenbedingungen der Green Economy.
Welche zentralen Erkenntnisse lassen sich bisher aus Ihrer Forschung zu Unternehmen, nationalen Parlamenten und Investor*innen ableiten?
Die bisherigen Ergebnisse aus unserer Forschung sowie aus der systematischen Auswertung bestehender wissenschaftlicher Studien deuten darauf hin, dass Geschlechterdiversität in verschiedenen Entscheidungsarenen mit nachhaltigkeitsrelevanten Outcomes zusammenhängen kann.
Im Bereich Corporate Governance zeigen Studien, dass genderdiverse Führungsteams häufig stärker auf langfristige Risiken und ESG-Kriterien achten und Nachhaltigkeit strategisch stärker im Unternehmen verankern. Unsere Literaturübersicht systematisiert diese Befunde und zeigt, über welche Mechanismen – etwa Risikowahrnehmung, oder Stakeholderfokus – dieser Zusammenhang erklärt werden kann.
In nationalen Parlamenten wird in der Forschung häufig ein Zusammenhang zwischen höherer Frauenrepräsentation und einer stärkeren Priorisierung von Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik festgestellt. Unsere eigenen Ergebnisse im Bereich Umweltsteuern bestätigen dies: Länder mit höherem Frauenanteil in Parlamenten weisen eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit auf, Corporate Environmental Taxes einzuführen, wobei dieser Effekt insbesondere über parlamentarische Entscheidungsprozesse wirkt.
Im Bereich Finanzierung zeigen unsere Analysen, dass Geschlechterdynamiken Einfluss auf Kapitalallokation haben. So investieren weibliche Business Angels signifikant häufiger in Startups mit Gründerinnen, während sich für Investitionen in grüne Startups kein robuster Geschlechtereffekt zeigt. Dies deutet darauf hin, dass insbesondere Netzwerkstrukturen und Zugangshürden eine wichtige Rolle spielen.
GREEN verbindet diese Erkenntnisse und untersucht, wie Geschlechterdiversität in unterschiedlichen institutionellen Kontexten zur Gestaltung nachhaltiger wirtschaftlicher Strukturen beitragen kann.
Sie verfolgen verschiedene Kommunikationskampagnen, um Wissenschaft verständlich einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln und Gründerinnen sichtbar zu machen. Welche Formate nutzen Sie dafür?
Ein zentrales Element des Projekts ist die Wissenschaftskommunikation. Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Rolle von Frauen in der ökologischen Transformation verständlich aufzubereiten und gleichzeitig Vorbilder sichtbar zu machen. Dafür nutzen wir mehrere Formate:
- GREEN Insights-Reihe: In dieser Reihe bereiten wir wissenschaftliche Studien und Paper zur Rolle von Frauen in der ökologischen Transformation allgemeinverständlich auf und stellen zentrale Forschungsergebnisse kompakt dar.
- GREEN Startups-Reihe: Hier führen wir Interviews mit Gründerinnen nachhaltiger Startups. Die Gespräche geben Einblicke in ihre Innovationsprozesse, Herausforderungen und Erfolgsstrategien und zeigen, welchen Beitrag sie zur nachhaltigen Transformation leisten.
- GREEN Webseite mit interaktiven Datenbanken: Ein besonderes Element ist unsere interaktive Plattform, auf der Nutzer*innen eine Datenbank wissenschaftlicher Studien zur Rolle von Frauen in der Green Economy durchsuchen können, etwa nach Themen, Regionen oder Schlagwörtern. Zusätzlich bauen wir eine Datenbank nachhaltiger Gründerinnen auf, in der Innovatorinnen mit Steckbriefen vorgestellt werden.
Darüber hinaus veröffentlichen wir regelmäßig Projektupdates und Veranstaltungsberichte, einen Newsletter sowie weiterführende Inhalte auf unserer Website und unserem LinkedIn-Kanal.
Was können Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus den Ergebnissen von GREEN für die Gestaltung einer nachhaltigen Transformation mitnehmen?
Die bisherigen Ergebnisse des Projektes zeigen, dass nachhaltige Transformation nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine institutionelle und soziale Herausforderung ist. Entscheidend ist, wie Entscheidungen getroffen werden und welche Perspektiven dabei einfließen.
Für die Politik bedeutet dies, nachhaltige Transformation stärker als Governance-Aufgabe zu verstehen. Umweltpolitische Instrumente entstehen nicht automatisch aus Problemdruck, sondern hängen von politischen Prioritäten, institutionellen Kapazitäten und inklusiven Entscheidungsprozessen ab. Eine vielfältigere Repräsentation kann dazu beitragen, langfristige Umwelt- und Gemeinwohlinteressen stärker zu berücksichtigen.
Für die Wirtschaft wird deutlich, dass nachhaltige Transformation eng mit Kapitalallokation und unternehmerischen Entscheidungen verknüpft ist. Welche Innovationen sich durchsetzen, hängt davon ab, welche Projekte finanziert und strategisch priorisiert werden. Diversität in Entscheidungsstrukturen kann dabei helfen, unterschiedliche Perspektiven und Risiken stärker einzubeziehen. Gleichzeitig zeigt sich, dass Märkte nachhaltige Lösungen nicht automatisch hervorbringen, sondern gezielt gestaltet werden müssen.
Für die Wissenschaft unterstreicht GREEN die Bedeutung interdisziplinärer Forschung. Nachhaltigkeit entsteht im Zusammenspiel von ökonomischen, politischen und sozialen Faktoren, die gemeinsam betrachtet werden müssen. Gleichzeitig besteht weiterhin Bedarf, die zugrunde liegenden Wirkmechanismen und Erfolgsbedingungen nachhaltiger Transformation besser zu verstehen.
Insgesamt macht GREEN deutlich, dass nachhaltiger Wandel vor allem durch geeignete institutionelle Rahmenbedingungen und inklusive Entscheidungsstrukturen vorangetrieben wird.
Wie planen Sie, die Ergebnisse Ihres Projekts nachhaltig zu sichern und zugänglich zu machen?
Ein wichtiges Ziel von GREEN ist es, die gewonnenen Erkenntnisse langfristig zugänglich und nutzbar zu machen. Dafür setzen wir auf mehrere Strategien:
- Aufbau und kontinuierliche Erweiterung unserer Online-Plattform mit frei zugänglichen Inhalten
- Veröffentlichung und Archivierung von wissenschaftlichen Studien und deren verständlicher Aufbereitung
- Aufbau einer durchsuchbaren Datenbank wissenschaftlicher Paper zum Thema Gender und ökologische Transformation
- Entwicklung einer Datenbank nachhaltiger Gründerinnen, die Innovatorinnen sichtbar macht und als Inspirations- und Netzwerkplattform dienen kann
Durch diese Kombination aus Forschung, digitaler Infrastruktur und Wissenschaftskommunikation soll das Wissen über den Beitrag von Frauen zur ökologischen Transformation dauerhaft gesichert und für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich gemacht werden.