Nachbericht IFiF-Impulse und Aufzeichnung online
Lost in ArchivesWarum wurden Autorinnen des 18. Jahrhunderts vergessen, obwohl sie damals bekannt waren? Dieser Frage gingen Dr. Anna Axtner-Borsutzky und Dr. Marília Jöhnk, Lost in Archives, in ihrem Vortrag nach.
Dr. Anna Axtner-Borsutzky und PD Dr. Marília Jöhnk von IFiF-Projekt Lost in Archives zeigten am 13. Januar 2026 im Rahmen des Online-Vortrags "Vergessen, verschwunden, verstreut. Autorinnen um 1800" wie sie Dramatikerinnen und Kritikerinnen um 1800 wiederentdecken und sichtbar machen.
Zu Beginn des IFiF-Impulse-Vortrags erläuterten die Referentinnen die drei Kulturbereiche, denen sich das interdisziplinäre Forschungsprojekt Lost in Archives widmet: Literaturkritik, Theaterwesen und Militärliteratur und erklärten deren strukturellen Gemeinsamkeiten. Durch die Recherche in Archiven möchte das Team Dramatikerinnen, Literaturkritikerinnen, Übersetzerinnen und Verfasserinnen von Militärliteratur aufspüren und wieder sichtbar machen.
Wer kennt die Militärkartografin Mademoiselle du Lettre, die Literaturkritikerin Charlotte Hauber oder die Dramatikerin Amalie von Liebhaber? Nicht nur diese Frauen sind unsichtbar geblieben, obwohl sie in ihren Fachbereichen gewirkt, publiziert und sich an öffentlichen Debatten beteiligt haben.
Welche “Mechanismen der Unsichtbarwerdung” führen dazu, dass diese Frauen vergessen wurden?
PD Dr. Marília Jöhnk, Goethe-Universität Frankfurt am Main, machte deutlich, wie sehr die Literaturkritik im 18. Jahrhundert von dem deutschen Schriftsteller Johann Christoph Gottsched geprägt wurde. Er formte 1726 die Bedeutung und Rolle von Literaturkritikern ("Kunstrichtern") für "die Verbesserung der deutschen Künste" und stellte klar, dass Literaturkritiker nicht nur männlich sein sollten, sondern auch, dass Rezensionen generell nicht archivwürdig seien. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es bereits deutsche Literaturkritikerinnen jedoch sind sie durch verstreute Nachlässe, Namensänderungen und die allgemeine Abwertung der Literatur von Frauen unsichtbar geblieben.
Dr. Anna Axtner-Borsutzky, Ludwig-Maximilians-Universität München, erläuterte anschließend die Suche nach den Frauen, die Dramen geschrieben und inszeniert haben, deren Werke aber vergessen wurden. Im Bereich des Theaterwesens herrschte lange das Vorurteil "Frauen schreiben keine Dramen". Aber bereits zu der Wirkungszeit berühmter Autoren wie z.B. Lessing, Goethe und Schiller gab es Dramatikerinnen, die nicht gesehen wurden oder die es nicht in den Kanon geschafft hatten.
Auch das dramatische Werk "Dido: Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen" von Charlotte von Stein lag in Archiven und geriet fast in Vergessenheit. In Kooperation von Lost und Archives und dem Staatstheater Darmstadt gab es im Januar 2026 eine szenische Lesung.
Der Teilbereich Militärliteratur stellt den Bereich dar, in dem am wenigsten Frauen erwartet bzw. assoziiert werden. Ein Beispiel ist Marie Sophie von Clausewitz: Sie war die Ehefrau des preußischen Generals und Militärtheoretikers Carl von Clausewitz und die Herausgeberin seiner hinterlassenen Werke. Das Wissen über ihre Herausgeberschaft blieb erhalten, jedoch wurde ihre Rolle u.a. bei der Verbreitung der Militärliteratur gar nicht gewürdigt. Nur ein kleiner Teil ihrer Werke wurde der Forschung viele Jahre später zur Verfügung gestellt.