Unter dem Titel "Energie, Klima, Nachhaltigkeit – vielfältige Perspektiven sind gefragt!" diskutierten vier Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, warum gemischte Teams und unterschiedliche Erfahrungshorizonte zentral für innovative Lösungen sind – und welche strukturellen Voraussetzungen es braucht, damit diese auch wirksam werden.
Moderiert wurde die Diskussion von Christina Rouvray, Projektleiterin des Metavorhabens "Innovative Frauen im Fokus" (meta‑IFiF). Auf dem Podium vertreten waren Tomke Hartmann (IFiF-Projekt GREEN), Dr. Arian Leopold (IFiF-Projekt Bildersturm), Antonia Böttcher (IFiF-Projekt PSY:SICHT) sowie Tanja Reilly, Co‑Gründerin der Ability Hub GmbH.
Nachhaltigkeit profitiert von gemischten Teams
Ausgangspunkt der Diskussion bildete der Blick auf Zahlen und Forschungsergebnisse: Während Frauen in vielen klassischen MINT‑Fächern weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind, zeigen Umwelt‑ und Nachhaltigkeitsstudiengänge bereits heute deutlich höhere Frauenanteile. Tomke Hartmann machte deutlich, dass diese Entwicklung nicht nur eine Frage der Teilhabe ist, sondern auch messbare Effekte hat: Studien zeigen, dass sowohl die finanzielle als auch die Nachhaltigkeits‑Performance von Organisationen steigen, wenn Frauen in relevanten Positionen beteiligt sind – besonders dann, wenn Teams insgesamt vielfältig zusammengesetzt sind.
Diese Erkenntnisse müssten jedoch stärker in Organisationen hineinwirken, so Tanja Reilly aus der unternehmerischen Praxis. Moralische Argumente allein reichten in vielen Unternehmen nicht aus, um die Motivation zu stärken, mehr Frauen in MINT-Berufen einzustellen. Gefragt seien vielmehr belastbare Business‑Cases. Eine zentrale Herausforderung liege darin, wissenschaftliche Ergebnisse in eine Sprache zu übersetzen, die in Unternehmenskontexten anschlussfähig ist. Genau hier werde deutlich, wie wichtig Schnittstellen zwischen Forschung und Praxis sind.
Stereotype, Zugehörigkeit und strukturelle Bilder
Warum Frauen trotz fachlicher Eignung in vielen Schlüsselbereichen weiterhin unterrepräsentiert sind, beleuchtete Dr. Arian Leopold aus sozialpsychologischer Perspektive. Im Forschungsprojekt Bildersturm, das sich mit Philosophie als männlich dominiertes Fach beschäftigte, zeigte sich: Stereotype prägen stark, wer sich zu einem Feld zugehörig fühlt. Menschen vergleichen das Bild, das sie von "typischen" Vertreter*innen eines Fachs haben, mit sich selbst. Entsteht dabei eine wahrgenommene Nicht‑Passung, wirkt sich das auf Zugehörigkeit und langfristig auf Repräsentanz aus.
Ein Ansatzpunkt liegt daher nicht bei einzelnen Personen, sondern bei den Bildern von Berufen und Disziplinen selbst. Realistische, vielfältige Vorbilder können dazu beitragen, diese Bilder zu verändern und neue Identifikationsräume zu öffnen. In dieser Hinsicht seien Parallelen zwischen den Erfahrungen von Frauen in MINT-Studienfächern und -Berufen sowie in Studium und Berufspraxis der Philosophie zu erkennen.
Sichtbarkeit als systemische Frage
Auch Antonia Böttcher ordnete Sichtbarkeit ausdrücklich als strukturelle Herausforderung ein. Das Forschungsprojekt PSY:SICHT untersucht, welche psychologischen Faktoren Sichtbarkeit in der Wissenschaft beeinflussen – und wie diese mit bestehenden Rahmenbedingungen zusammenwirken. Erste Ergebnisse zeigen, dass Ängste, Selbstzweifel oder Perfektionismus das Sichtbarkeitshandeln beeinflussen können. Gleichzeitig sehen viele Wissenschaftlerinnen Sichtbarkeit durchaus als Voraussetzung für langfristige strukturelle Veränderungen.
Ihre Empfehlung daher: nicht alle Sichtbarkeitsformate passen für jede Person. Wichtig ist es, sich selbst damit wohl zu fühlen und ein für sich passendes Format zu finden. Auch die Organisationen sind gefragt, tragfähige Strukturen zu schaffen, die unterschiedliche Formen von Sichtbarkeit ermöglichen und absichern.
Transformation braucht neue Routinen
Aus Unternehmenssicht ergänzte Tanja Reilly, dass Organisationen mit vielfältigen Teams gerade in Krisenzeiten resilienter sind. Monokulturen erzeugten zwar wenig Reibung, aber auch wenig Innovation. Insbesondere in Transformationsfeldern wie Nachhaltigkeit, ESG oder neuen technologiegetriebenen Berufsbildern entstünden derzeit neue Handlungsspielräume und auch konkrete Anforderungsprofile – ohne historisch verfestigte Ausschlussstrukturen. Obwohl hier nicht ungerechtfertigt pauschalisiert werden soll, weisen Frauen gerade in den Bereichen Empathie und Kommunikation häufig besondere Stärken auf, sodass sich aus den neuen Berufsbildern interessante Perspektiven ergeben. Diese Aufgaben werden auch nie durch KI ersetzt werden können. Um diese Potenziale zu nutzen, brauche es jedoch bewusste Entscheidungen auf Organisationsebene, z. B. in der Gestaltung von Rollenprofilen.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Die Diskussion auf der FEMWORX machte deutlich: Für eine erfolgreiche sozial‑ökologische Transformation sind vielfältige Perspektiven unverzichtbar. Sichtbarkeit innovativer Frauen ist dabei kein individuelles Projekt, sondern eine gemeinsame Aufgabe von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Institutionen. Genau hier setzt die Förderlinie "Innovative Frauen im Fokus" an – mit dem Ziel, strukturelle Veränderungen anzustoßen und innovative Frauen dauerhaft sichtbar zu machen.