IFiF-Projekte

Digitale Gewalt: Die Schattenseiten von Sichtbarkeit

Digital Hate

Das Team von Digital Hate präsentierte in der Vortragsreihe IFiF-Impulse erste Forschungsergebnisse aus ihrer Online-Umfrage zur digitalen Gewalt gegen Professor*innen umkämpfter Wissensgebiete.

Mit 130 Teilnehmenden stieß der IFiF-Impulse-Vortrag "Die Schattenseiten von Sichtbarkeit: Digitale Gewalt gegen Professorinnen" am 19. Mai 2026 auf großes Interesse.  

Zu Beginn des Vortrags stellte die Projektleiterin Prof. Dr. Clarissa Rudolph das Forschungsprojekt Digital Hate zusammenfassend vor und skizzierte die Kernfragen dazu: Wie können wir mit digitaler Gewalt umgehen? Nicht nur im Nachhinein sondern auch präventiv? Und wie können wir uns und die Institutionen besser schulen und darauf vorbereiten? Welche Unterstützungsleistungen können Hochschulen leisten?  

Was passiert in bestimmten Wissensgebieten, wenn man/frau sichtbar ist?  

Im Anschluss stellte Kyra Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem IFiF-Projekt, die quantitative Erhebung (Teil 1), die 2025 durchgeführt wurde, vor. An der Erhebung, die sich an Professorinnen der Migrations-, Gender-, Klima(folgen)forschung richtete, nahmen 263 Personen (221 weiblich, 35 männlich und 7 divers) teil. Im Mittelpunkt der Erhebung standen die Fragen, in welchem Ausmaß und in welcher Form digitale Gewalt gegen Professor*innen an wissenschaftlichen Einrichtungen vorkommt.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass digitale und sexualisierte digitale Gewalt zwar keine Alltagserfahrung von Professor*innen ist, aber dennoch so weit verbreitet, dass eine Mehrheit sie in den letzten fünf Jahren erleben musste. Die Mehrheit der Befragten hat seit 2020 mindestens 1-mal digitale Gewalt erfahren. 

Zur Frage, welche Formen von digitaler Gewalt am häufigsten vorkommen, wurden in der Befragung folgende Items am häufigsten genannt:  

  1. Das Forschungsgebiet wurde abgewertet, diffamiert und verächtlich gemacht. 
  2. Es gab herabwürdigende Kritik der wissenschaftlichen Fachlichkeit. 
  3. Es wurden Dinge über die betroffene Person verbreitet, die nicht stimmen. 
  4. Beleidigungen 
  5. Aggressive und beleidigende Kommentare in Form von Shitstorms.  

Kyra Schneider betonte, dass es bei sexualisierter digitaler Gewalt einen großen Geschlechterunterschied gibt: Professorinnen sind wesentlich öfter davon betroffen als Professoren. Viele Wissenschaftlerinnen gaben an, dass ihre wissenschaftlichen Leistungen und Kompetenzen sexistisch abgewertet wurden. Außerdem wurden sie öfter als Feministinnen verhöhnt und Feminismus wurde im Kontext ihrer wissenschaftlichen Arbeit als Bedrohung dargestellt. Zudem gaben viele Frauen an, dass sie aufgrund ihres Geschlechtes als körperlich und intellektuell unterlegen dargestellt wurden.  

Intersektionale Betroffenheit  

In der Online-Umfrage wurde nicht nur ein Fokus auf die geschlechterspezifische Perspektive gelegt, sondern auch die intersektionale Perspektive einbezogen. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass nicht nur Geschlecht eine Diskriminierungsdimension ist, sondern auch andere Aspekte wie ethnische Zugehörigkeit (Personen mit Migrationsgeschichte) und sexuelle Orientierung (nicht-heterosexuelle Personen) eine ernsthafte Rolle spielen.  

Folgen für die Betroffenen – Silencing?  

Die Ergebnisse der Online-Befragung zeigen auch, dass digitale Gewalt Auswirkungen auf Sichtbarkeitsaktivitäten hat, denn eine Mehrheit, der von digitaler Gewalt Betroffenen gab in der Befragung an, dass sie sich verunsichert fühlt, ihre Position digital zu vertreten. Sie fahren in der Konsequenz ihre Online-Aktivitäten deutlich zurück. Digitale Gewalt hat auch Auswirkungen und Folgen für Nicht-Betroffene – sie formulieren aus Sorge vor digitaler Gewalt ihre digitalen Beiträge bewusst vorsichtiger, so Schneider.  

Nehmen wissenschaftlichen Einrichtungen digitale Gewalt ernst?  

Der zweite Teil der quantitativen Erhebung richtete sich an Institutionsvertreterinnen (Hochschulleitung, Kommunikation und Gleichstellung, Daten von 249 Teilnehmer*innen). Digitale Gewalt wird von den Befragten eher als Problem der Zukunft gesehen, und es herrscht Vertrauen in die Interventionsfähigkeit der eigenen Institution. Gleichzeitig findet nur eine Minderheit der Befragten die existierenden Unterstützungsstrukturen ausreichend. Viele Institutionsvertreter*innen geben an, dass Kenntnisse zu den Täter*innen bekannt sind. Am häufigsten wurde angegeben, dass als Täter*innen Privatpersonen außerhalb der eigenen Einrichtung identifiziert wurden, dicht gefolgt von Wissenschaftler*innen und Studierenden der eigenen Einrichtung.  

Abschließend stellten die Referentinnen einige Implikationen für Strategien gegen digitale Gewalt vor: 

  • Bewusstsein über Diskriminierung 
    Jede*r Wissenschaftler*in kann von digitaler Gewalt betroffen sein, aber manche Gruppen sind vulnerabler als andere, insbesondere Frauen oder Menschen mit Migrationsgeschichte
  • Mehr als eine individuelle Aufgabe 
    Mit digitaler Gewalt umzugehen und Gegenstrategien zu entwickeln, ist nicht nur Aufgabe der Betroffenen.  
  • Für strukturelle Lösungen
    Wissenschaftliche Institutionen müssen ihre Fürsorgeverantwortung und die Verantwortung für öffentliche wissenschaftliche Diskurse ernst nehmen.  

Digital Hate arbeitet aktuell an der weiteren Auswertung und Feinanalyse der Forschungsergebnisse, u.a. mit Blick auf die einzelnen Fachbereiche. Diese Praxisempfehlungen bieten hilfreiche Unterstützung bei digitaler Gewalt: