IFiF-Projekte

Mehr als privat: Wenn Mutterschaft politisch wird

Moms@Science

Im Rahmen der Aktionswoche "Wissenschaft gegen Faschismus" beleuchtete das IFiF-Projekt Moms@Science in einem digitalen Coffee Break, wie Mutterrollen in rechten Diskursen instrumentalisiert werden.

Mutterbilder und rechte Ideologie – Zur politischen Instrumentalisierung von Mutterschaft (Dr. Lisa Tölle, Projektleitung Moms@Science)

Im Rahmen eines digitalen "Coffee Breaks" von Moms@Science, welcher während der Aktionswoche Wissenschaft gegen Faschismus am 2. Juni 2026 stattfand, hat sich das IFiF-Projekt mit der Frage beschäftigt, wie Mutterschaft politisch aufgeladen und in rechten Ideologien strategisch instrumentalisiert wird. Ausgangspunkt der Diskussion war die Beobachtung, dass Mutterschaft im öffentlichen Diskurs häufig als "natürliches" oder "privates" Phänomen markiert wird – als Aufgabe oder Position von Frauen*. Gleichzeitig ist Mutterschaft jedoch in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnissen eingeschrieben und eng mit Normierungen, politischen Ordnungen und Vorstellungen sozialer Zugehörigkeit verknüpft. 

Im Zentrum der Veranstaltung stand die Frage: Wie wird Mutterschaft politisch von der extremen Rechten aufgegriffen – und zu welchem Zweck? 

Hierzu wurde einführend die nationalsozialistische Ideologisierung von Mutterschaft skizziert. Herausgearbeitet wurde, dass dabei Mutterschaft nicht als individuelle Lebensform und Entscheidung von Frauen* verstanden wurde, sondern als "Dienst am Volk". Frauen*, die im Sinne der NS-Ideologie als dem "Volkskörper" zugehörig markiert wurden, wurden über ihre Reproduktionsfähigkeit adressiert und auf die Rolle der "deutschen Mutter" reduziert. Damit verbunden waren unter anderem finanzielle Anreize und öffentlich Anerkennung. Gleichzeitig ging diese Ideologisierung von Mutterschaft mit massiver Gewalt einher – etwa durch Zwangssterilisationen, Verfolgung und Vernichtung im Rahmen rassistischer, ableistischer und klassistischer Bevölkerungspolitiken sowie durch die selektive Förderung sogenannter "erbgesunder" Familien.  

Die Analyse zeigte, dass sich zentrale Narrative bis in die Gegenwart fortschreiben: Vorstellungen einer "bedrohten Familie", eines demografischen "Niedergangs" oder einer ethnisierten Bevölkerungspolitik tauchen in unterschiedlichen Varianten in rechten und extrem rechten Diskursen etwa seit den 2000er Jahren wieder auf. Mutterschaft wird dabei erneut zum politischen Instrument – heute häufig vermittelt über kulturell aufgeladene Begriffe wie "Kinderschutz", "Tradition", "Natürlichkeit" oder "Identität".  

Dabei spielt reproduktive Sexualität eine zentrale Rolle. Während die extreme Rechte in antifeministischer Tradition gegen Frauenrechte und reproduktive Selbstbestimmung sowie die freie Entfaltung weiblicher Sexualität mobilisiert, ist sie zugleich in zahlreichen verschwörungsideologischen Narrativen – etwa im Narrativ des sogenannten "großen Austauschs" – darauf angewiesen, dass cis-heterosexuelle, weiße, bürgerliche Frauen* Kinder gebären.  

Während rechte Akteur*innen heute oft scheinbar moderater und moderner auftreten und über Care- und Schutz-Themen versuchen, gesellschaftliche Diskurse zu beeinflussen, ist die dahinterliegende Ideologie nach wie vor als völkisch-autoritär zu kennzeichnen. Zugleich lassen sich in der digitalen Öffentlichkeit Überschneidungen mit neoliberalen Mom-Influencerinnen und sogenannten "Tradwife"-Ästhetiken beobachten. Mutterschaft erscheint hier als scheinbar freiwilliger, privatisierter Lebensstil, kann aber zugleich tradierte Geschlechterordnungen stabilisieren und gesellschaftliche Ungleichheiten individualisieren.  

Beitrag zum Projekt Moms@Science 

Die Veranstaltung hat in besonderer Weise zum Ziel von Moms@Science beigetragen, Mutterschaft als gesellschaftlich und wissenschaftlich relevantes Thema sichtbar zu machen. Sie hat gezeigt, dass wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Mutterschaft nicht nur Fragen von Vereinbarkeit, Karrierewegen oder individueller Lebensgestaltung betreffen, sondern tief in politische, historische und ideologische Strukturen eingebettet sind. Damit wurde ein zentraler Ansatz des Projekts gestärkt: Mutterschaft als analytische Kategorie ernst zu nehmen, mit der Machtverhältnisse, Ungleichheit und Normierungsprozesse sichtbar gemacht werden können. Für Moms@Science bedeutet dies auch, Mutterschaft nicht ausschließlich als individuelles Vereinbarkeitsthema zu verhandeln, sondern als Gegenstand wissenschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Reflexion einzuordnen. 

Erkenntnisse und zentrale Diskussionslinien 

Besonders intensiv wurde darüber gesprochen, wie stark individuelle Vorstellungen von "guter Mutterschaft" gesellschaftlich geprägt sind. Diese Bilder sind keineswegs neutral, sondern historisch und kulturell geformt – und können selbst dann normierend wirken, wenn sie nicht offen politisch auftreten. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Reflexion des Muttertags als kulturellem Symbol: Auch hier zeigen sich ambivalente Dynamiken zwischen Anerkennung, Idealisierung und normativem Druck. Einerseits kann der Muttertag Sichtbarkeit und Wertschätzung für Care-Arbeit schaffen. Andererseits kann er Mutterbilder stabilisieren, die Mutterschaft idealisieren, individualisieren und an bestimmten Vorstellungen von Weiblichkeit, Familie und Fürsorge binden. 

Zudem wurde diskutiert, wie rechte Anrufungen von Mutterschaft zurückgewiesen werden können, ohne gleichzeitig die Bedeutung von Mutterschaft als gelebte Erfahrung unsichtbar zu machen. Besonders hervor trat dabei die Frage nach Solidarität: Wie können wissenschaftliche und gesellschaftliche Akteur:innen sich mit (queer-)feministischen Gleichstellungs- und Diversitätsprojekten verbinden und verbünden, um alternative, emanzipative Bilder von Mutterschaft zu stärken? 

Was war besonders überraschend? 

Überraschend war für viele Teilnehmende die deutliche Kontinuität zwischen historischen und aktuellen Diskursen: Obwohl sich die äußere Form rechter Mutterschaftspolitiken verändert hat, bleiben zentrale Logiken bestehen – insbesondere die Verknüpfung von Reproduktion, Nation, Geschlechterordnung und sozialer Hierarchie. 

Gleichzeitig wurde sichtbar, wie stark auch progressive Diskurse über Mutterschaft normativ aufgeladen sein können. Das Ideal der "intensiven, perfekt organisierten Mutter" zeigt, dass Normierung nicht ausschließlich von rechten Ideologien ausgeht, sondern auch in modernen, scheinbar emanzipativen Kontexten relevant ist. 

Fazit von dem IFiF-Projekt Moms@Science

Die Veranstaltung hat deutlich gemacht: Mutterschaft ist kein privates oder neutrales Thema, sondern ein hochpolitisches Feld. Rechte Ideologien nutzen Mutterschaft zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnungen, während emanzipative Perspektiven darauf abzielen, Vielfalt, Selbstbestimmung und eine solidarische Verteilung von Care-Arbeit zu stärken. 

Für das Moms@Science-Projekt kristallisiert sich daraus eine zentrale Leitfrage heraus: Wie können Mutterschaften sichtbar gemacht werden, ohne sie zu normieren – und wie können wir sie zugleich als politischen und wissenschaftlichen Gegenstand ernst nehmen? Offen bleibt, wie ein emanzipatives Bild von Mutterschaft – oder von Mütterlichkeit – in Wissenschaft und Gesellschaft aussehen kann: Ein Bild, das Mutterschaft als Möglichkeit und nicht als Verpflichtung denkt, vielfältige Weisen von Mütterlichkeit anerkennt und Care-Arbeit nicht individualisiert, sondern als kollektive gesellschaftliche Verantwortung denkt.