Projekt im Fokus: Moms@Science
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie strukturelle und institutionelle Rahmenbedingungen die Sichtbarkeit, Karrierewege und Potentialentfaltung von Müttern in der Wissenschaft beeinflussen. Gleichzeitig macht das Projekt innovative Wissenschaftlerinnen mit Kind(ern) und ihre Leistungen sichtbar. meta-IFiF sprach mit Dr. Lisa Tölle über zentrale Erkenntnisse, bestehende Herausforderungen und die Frage, was Hochschulen und Forschungseinrichtungen konkret tun können, um die Situation von Wissenschaftlerinnen mit Kind(ern) zu verbessern.
Wie entstand die Idee zum Projekt Moms@Science? Warum braucht es ein Projekt speziell zu Wissenschaftlerinnen mit Kind(ern)?
Die Idee zu Moms@Science ist tatsächlich aus unserer eigenen Lebensrealität entstanden.
Die Initiatorinnen des Projekts – Carolin Quenzer-Alfred, Franka Metzner und ich, Lisa Tölle – sind selbst Mütter in der Wissenschaft und kennen die Gleichzeitigkeit von wissenschaftlicher Qualifizierung, Projektarbeit, Lehre, Publikationsdruck und Care-Verantwortung aus eigener Erfahrung.
Wir haben festgestellt, dass wir viele Gespräche über die Vereinbarkeit, Befristungen, Kinderbetreuung, Mobilitätserwartungen oder Karriereentscheidungen führen – sei es in Kaffeepausen, auf Tagungen oder im Austausch mit Kolleginnen. Gleichzeitig hatten wir den Eindruck, dass die Perspektiven von Wissenschaftlerinnen mit Kindern im Wissenschaftssystem oft wenig sichtbar und teilweise unsichtbar sind. Mütter in der Wissenschaft sind zwar präsent, ihre Erfahrungen, Leistungen und strukturellen Bedingungen werden jedoch häufig nicht systematisch sichtbar gemacht.
Dabei wissen wir aus der internationalen Forschung, dass Mutterschaft erhebliche Auswirkungen auf Karriereverläufe haben kann. Hier wird häufig von der sogenannten Motherhood Penalty gesprochen – also den Nachteilen, die Frauen aufgrund ihrer Mutterschaft im Berufsleben erfahren können. Hinzu kommen Anforderungen eines Wissenschaftssystems, das weiterhin stark auf permanente Verfügbarkeit, Mobilität, Leistungs- bzw. Publikationsdruck, Kompetitivität und lineare Karriereverläufe ausgerichtet ist. Mit Moms@Science möchten wir deshalb besser verstehen, wie Wissenschaftlerinnen mit Kindern ihre beruflichen Wege gestalten, welche Herausforderungen sie erleben und welche Strategien sie entwickeln, um sichtbar zu sein. Gleichzeitig möchten wir ihre Perspektiven sichtbar machen und einen Beitrag zur Debatte über Gleichstellung und Chancengerechtigkeit in der Wissenschaft leisten. Das Projekt verfolgt damit auch ein interventionsorientiertes Ziel: Es geht darum, die Leistungen, Erfahrungen und Perspektiven von Wissenschaftlerinnen mit Kind(-ern) sichtbar zu machen und zugleich die Strukturen des Wissenschaftssystems kritisch zu reflektieren.
Mit welchen strukturellen Barrieren und Unsichtbarkeitsmechanismen sind Wissenschaftlerinnen mit Kind(ern) im Wissenschaftssystem besonders häufig konfrontiert?
Ein zentrales Problem ist, dass das Wissenschaftssystem nach wie vor stark auf das Ideal des sogenannten Ideal Worker ausgerichtet ist. Dahinter steht die Vorstellung einer Person, die jederzeit verfügbar, räumlich mobil, zeitlich flexibel und weitgehend frei von Care-Verantwortung erscheint.
Viele wissenschaftliche Karrierewege setzen genau das voraus: Befristete Beschäftigungen, unsichtbare Karriereperspektiven, hohe Publikationsanforderungen, internationale Mobilität, Abendveranstaltungen, Tagungen am Wochenende oder kurzfristige Forschungsaufenthalte. Für Menschen mit Sorgeverantwortung sind diese Anforderungen oft schwerer zu erfüllen als für Menschen ohne Care-Aufgaben – nicht aufgrund geringerer Leistungsfähigkeit, sondern aufgrund struktureller Bedingungen, die Care-Arbeit kaum berücksichtigen.
Hinzu kommen Unsichtbarkeitsmechanismen. Care-Arbeit wird häufig als private Angelegenheit betrachtet und spielt in Leistungsbewertungen, Berufungsverfahren oder Qualifikationsverläufen an deutschen Universitäten und Hochschulen bisher kaum eine Rolle. Gleichzeitig sind Mütter in wissenschaftlichen Führungspositionen, auf Podien oder als Expertinnen in der Öffentlichkeit nach wie vor unterrepräsentiert bzw. weniger sichtbar als ihre männlichen Kollegen oder Wissenschaftlerinnen ohne Kind(-er).
In der Geschlechterforschung wird in diesem Zusammenhang auch von der Maternal Wall gesprochen – einer Art Mutterschaftsbarriere. Dahinter steht die Beobachtung, dass Mütter häufig als weniger verfügbar, weniger leistungsfähig oder weniger karriereorientiert wahrgenommen werden, und zwar unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung. Genau hier setzt Moms@Science an: Das Projekt fragt nicht nur nach individuellen Erfahrungen, sondern nach den strukturellen und kulturellen Mechanismen, die Sichtbarkeit, Anerkennung und Karrierewege von Wissenschaftlerinnen mit Kind(-ern) prägen.
Welche Rolle spielt Sichtbarkeit für Karrierewege und wissenschaftliche Anerkennung von Müttern in der Wissenschaft?
Sichtbarkeit spielt im Wissenschaftssystem eine enorme Rolle. Wissenschaftliche Anerkennung entsteht nicht nur durch Publikationen, sondern auch durch Netzwerke, Einladungen, Kooperationen oder öffentliche Präsenz. Auch Drittmittel, Tagungspräsenz, Medienauftritte und die Wahrnehmung als Expertin sind eng mit der Sichtbarkeit einer Peron im Wissenschaftsbetrieb verbunden. Wer sichtbar ist, wird häufiger als Expertin wahrgenommen, für Projekte angefragt oder für Leitungsaufgaben vorgeschlagen.
Für Mütter in der Wissenschaft ist Sichtbarkeit allerdings oft ambivalent. Manche berichten, dass sie ihre Elternschaft möglichst unsichtbar halten, weil sie negative Zuschreibungen befürchten. Andere erleben, dass sie ständig zwischen den Erwartungen an die „ideale Wissenschaftlerin“ und die „ideale Mutter“ vermitteln müssen. Sichtbarkeit kann also Anerkennung ermöglichen, zugleich aber auch neue Angriffsflächen für stereotype Bewertung schaffen und zusätzlich belasten.
Deshalb geht es bei Sichtbarkeit nicht nur um einzelne Personen. Es geht auch darum, wissenschaftliche Karrieren mit Kindern als selbstverständlichen Teil der Wissenschaft sichtbar zu machen. Wir brauchen mehr Vorbilder und mehr unterschiedliche Geschichten darüber, wie Wissenschaft und Care-Verantwortung zusammen gedacht werden können – nicht als Ausnahme, sondern als Teil der Realität im Wissenschaftssystem.
Zugleich verstehen wir Sichtbarkeit als strukturelle Frage. Es reicht nicht, Wissenschaftlerinnen mit Kind(-ern) individuell sichtbarer zu machen, wenn die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, unverändert bleiben. Sichtbarkeit muss daher mit einer kritischen Auseinandersetzung über Machtverhältnisse, Leistungsnormen und institutionelle Rahmenbedingungen verbunden werden.
Sie führen Interviews mit Wissenschaftlerinnen mit Kind(ern). Von welchen Erfahrungen berichten diese Frauen? Wie gelingt es ihnen, ihre Karriere fortzusetzen?
Die Interviews zeigen zunächst eine große Vielfalt an Erfahrungen. Gleichzeitig gibt es einige wiederkehrende Themen: Viele Wissenschaftlerinnen berichten von einem hohen organisatorischen Aufwand und davon, dass nahezu jede berufliche Entscheidung auch eine familienbezogene Entscheidung ist. Fragen nach Stellenwechseln, Mobilität, Tagungsteilnahmen, Forschungsaufenthalten oder Qualifikationsschritten sind häufig eng mit Kinderbetreuung, Partnerschaftsmodellen, finanziellen Ressourcen und familiären Netzwerken verknüpft. Besonders häufig geht es um Unsicherheiten durch Befristungen, die Vereinbarkeit von Forschungsreisen mit dem Familienleben oder die Frage, wann eigentlich Zeit für konzentrierte wissenschaftliche Arbeit bleibt. Hinzu kommen die fehlende Planbarkeit und die Notwendigkeit, wissenschaftliche Arbeit häufig in eng begrenzte Zeitfenster zu verdichten.
Viele Mütter in der Wissenschaft erzählen auch von Situationen, in denen sie das Gefühl hatten, ihre Mutterschaft erklären, rechtfertigen oder sie im beruflichen Kontext strategisch unsichtbar machen zu müssen.
Gleichzeitig berichten die Frauen von beeindruckenden Strategien und Ressourcen. Sie bauen Unterstützungsnetzwerke auf, organisieren Care-Arbeit gemeinsam mit Partner*innen oder Familienmitgliedern und entwickeln kreative Wege, wissenschaftlich produktiv zu bleiben.
Was mich besonders beeindruckt, ist die enorme Reflexionsfähigkeit vieler Interviewpartnerinnen. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele Herausforderungen nicht individuell verursacht sind. Es handelt sich um strukturelle Fragen von Geschlechtergerechtigkeit, Care-Arbeit und Chancengleichheit im Wissenschaftssystem. Wichtig ist uns deshalb, diese Strategien nicht als rein individuelle Bewältigungsleistung zu romantisieren. Die Interviews verweisen vielmehr auf strukturelle Fragen von Planbarkeit, Anerkennung, Geschlechtergerechtigkeit und institutioneller Verantwortung.
Das Projekt verbindet Forschung mit Intervention. Wie planen Sie, Wissenschaftlerinnen mit Kind(ern) sichtbarer zu machen?
Uns war von Anfang an wichtig, dass die Ergebnisse nicht ausschließlich in wissenschaftlichen Publikationen erscheinen. Moms@Science verbindet deshalb empirische Forschung mit Wissenschaftskommunikation und Intervention. Ziel ist es, Wissen über die Situation von Wissenschaftlerinnen mit Kind(-ern) zu generieren und zugleich Räume zu schaffen, in denen ihre Erfahrungen, Leistungen und Perspektiven sichtbar werden.
Deshalb möchten wir unterschiedliche Formate nutzen, um Wissenschaftlerinnen mit Kindern sichtbar zu machen. Dazu gehören Interviews, Porträts, Social-Media-Formate, Videobeiträge, Veranstaltungen und weitere Formen der Wissenschaftskommunikation. Außerdem eine eigene Podcast-Reihe und eine abschließende Wanderausstellung. Diese Formate sollen nicht nur individuelle Karrierewege zeigen, sondern auch Muster sichtbar machen: Welche Bedingungen fördern Sichtbarkeit? Welche Mechanismen erschweren wissenschaftliche Anerkennung? Und welche institutionellen bzw. strukturellen Veränderungen sind notwendig?
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist dabei auch unsere eigene Positionierung als Wissenschaftlerinnen und Mütter. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie selten Mütter in der Wissenschaft sichtbar sind – insbesondere in höheren Qualifikationsstufen oder Leitungspositionen.
Unser Ziel ist deshalb nicht nur, individuelle Geschichten zu erzählen. Wir möchten zeigen, dass die Herausforderungen von Wissenschaftlerinnen mit Kindern keine Einzelfälle sind, sondern eng mit den Strukturen des Wissenschaftssystems zusammenhängen. Aus den Forschungsergebnissen sollen zudem konkrete Impulse und Handlungsempfehlungen für Hochschulen und Forschungseinrichtungen abgeleitet werden.
Welche Veränderungen wünschen Sie sich langfristig an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, damit Wissenschaft und Care-Verantwortung besser vereinbar werden?
Ich glaube, dass wir sowohl strukturelle als auch kulturelle Veränderungen brauchen. Strukturell geht es um verlässlichere Karrierewege, weniger Befristungen, transparente Berufungsverfahren und die stärkere Berücksichtigung von Care-Zeiten in Leistungsbewertungen und Qualifikationsverfahren. Dazu gehören auch transparente Auswahl- und Förderverfahren sowie eine stärkere Anerkennung nichtlinearer Karriereverläufe.
Gleichzeitig braucht es familienfreundlichere Tagungs- und Veranstaltungsformate, bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten und eine kritischere Auseinandersetzung mit den Mobilitäts- und Verfügbarkeitserwartungen im Wissenschaftssystem. Auch digitale oder hybride Formate können hier eine wichtige Rolle spielen, wenn sie nicht als Ersatz für strukturelle Gleichstellungspolitik verstanden werden, sondern als Teil eines breiteren Maßnahmenbündels.
Mindestens genauso wichtig erscheint mir aber ein Kulturwandel. Wissenschaftliche Exzellenz wird häufig noch mit permanenter Verfügbarkeit gleichgesetzt. Davon müssen wir uns lösen.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind keine isolierten Individuen ohne soziale Beziehungen. Sie haben Familien, Sorgeverantwortung und unterschiedliche Lebensrealitäten sowie unterschiedliche Ressourcen. Ein gerechteres Wissenschaftssystem müsste diese Vielfalt nicht als Hindernis betrachten, sondern als selbstverständlichen Teil wissenschaftlicher Arbeit anerkennen. Davon würden nicht nur Mütter profitieren. Davon würden alle Menschen mit Sorgeverantwortung profitieren – und damit auch die Wissenschaft selbst. Denn ein Wissenschaftssystem, das unterschiedliche Lebensrealitäten ernst nimmt, kann vielfältiger, innovativer und chancengerechter werden.