Projekt im Fokus: PSY:SICHT
Im IFiF-Forschungsprojekt PSY:SICHT wird untersucht, welche psychologischen Faktoren die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft beeinflussen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Frauen insbesondere in höheren wissenschaftlichen Positionen nach wie vor weniger sichtbar sind und seltener als Expertinnen wahrgenommen werden.
Ziel des Projekts ist es, hinderliche und förderliche psychologische Mechanismen zu identifizieren und im Anschluss konkrete Handlungsempfehlungen für eine sichtbarere und chancengerechtere Wissenschaft abzuleiten.
meta-IFiF sprach mit Antonia Böttcher (wissenschaftliche Mitarbeiterin), Prof. Dr. Laura Große (Projektleitung) und Prof. Dr. Silke Jörgens (Projektleitung) über die angewandten Methoden sowie über die bisherigen Erkenntnisse und Ergebnisse des Projekts.
Sie untersuchen im Projekt PSY:SICHT psychologische Faktoren, die die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft beeinflussen. Was genau sind das für Faktoren?
Es sind ganz verschiedene psychologische Faktoren, die beeinflussen, ob und wie Wissenschaftlerinnen sich beruflich sichtbar machen.
Wir betrachten unter anderem verschiedene Persönlichkeitsmerkmale, Narzissmus, Selbstwirksamkeitserwartungen und Attributionsstile. Ebenso spielen Emotionen wie Stolz oder Angst eine Rolle. Darüber hinaus untersuchen wir beispielsweise das Imposter-Phänomen, also das Gefühl, die eigenen Leistungen weniger verdient zu haben oder weniger kompetent zu sein, als andere es wahrnehmen. Ein weiterer wichtiger Bereich sind geschlechtsbezogene Normen und Stereotype. Sie können beeinflussen, welches Verhalten als angemessen wahrgenommen wird und wie Frauen in der Wissenschaft ihre eigene berufliche Sichtbarkeit einschätzen und gestalten.
Sie setzen in Ihrem Forschungsdesign auf einen Mixed-Methods-Ansatz. Erzählen Sie uns mehr darüber. Welche Erkenntnisse konnten Sie damit bereits gewinnen?
Wir haben zu Beginn des Projekts sechs Fokusgruppeninterviews mit Wissenschaftlerinnen, Gender-Expert*innen und Personen aus der Öffentlichkeitsarbeit von Hochschulen und Universitäten geführt. Dabei ging es zunächst darum, möglichst offen zu erfassen, welche psychologischen Faktoren bei der Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen überhaupt eine Rolle spielen.
Eine Erkenntnis aus diesen Interviews ist, dass Ängste eine zentrale Rolle bei der Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft einnehmen. Die Angst vor der Bewertung durch andere, vor Fehlern oder Missverständnissen oder davor, der eigenen Karriere durch einen öffentlichen Auftritt zu schaden, kann eine große Hürde sein. Gleichzeitig gibt es natürlich auch Faktoren, die Sichtbarkeit fördern können, beispielsweise der Wille, andere für die eigene Forschung zu begeistern oder als Vorbild für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu dienen.
Unsere Erkenntnisse aus den Fokusgruppeninterviews bilden die Grundlage für den zweiten Teil unseres Forschungsdesigns: eine groß angelegte Online-Befragung. Alle relevanten psychologischen Faktoren, die wir in den Fokusgruppen identifizieren konnten, werden wir dort systematisch untersuchen. So können wir überprüfen, ob und in welchem Ausmaß diese Faktoren auch bei einer größeren Gruppe von Wissenschaftler*innen eine Rolle spielen und wo Geschlechterunterschiede vorliegen.
Warum richtet Ihr Projekt den Blick auf psychologische Faktoren bei der beruflichen Sichtbarkeit? Welche Rolle spielen strukturelle Hürden in Ihrer Forschung?
Strukturelle Bedingungen spielen natürlich eine wichtige Rolle für die berufliche Sichtbarkeit und bilden den Rahmen, in dem Wissenschaftler*innen arbeiten. Es werden bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um strukturelle Hürden abzubauen und die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft zu fördern. Trotzdem bestehen bestimmte Geschlechterunterschiede weiterhin. Weibliche Expertinnen sind beispielsweise in der Öffentlichkeit häufig weniger sichtbar als ihre männlichen Kollegen.
Das hat uns dazu bewegt, über strukturelle Bedingungen hinaus individuelle psychologische Faktoren in den Blick zu nehmen. Dabei betrachten wir psychologische und strukturelle Faktoren nicht völlig unabhängig voneinander: Alle Wissenschaftler*innen sind in gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen eingebunden, die auch beeinflussen, wie sich psychologische Faktoren entwickeln und auswirken. Die strukturellen Bedingungen sind für uns deshalb ein wichtiger Rahmen, aber nicht der inhaltliche Fokus unserer Forschung.
Mit der psychologischen Perspektive möchten wir eine bisher weniger betrachtete Ebene ergänzen und damit zu einem umfassenderen Verständnis der Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft beitragen.
Gab es im Verlauf des Projekts eine Erkenntnis oder Beobachtung, die Sie besonders überrascht hat?
Eine Erkenntnis, die uns von Anfang an überrascht hat und uns noch immer begleitet, ist die Tatsache, dass es kaum Literatur zu unserem Forschungsthema gibt. Es gibt fast keine Studien, die sich mit psychologischen Faktoren, die die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft beeinflussen, beschäftigen.
Die Forschungslücke ist so groß, dass wir uns dazu entschieden haben, uns in unserer ersten Publikation – ein Scoping Review, das bald veröffentlicht werden wird - zunächst mit psychologischen Faktoren, die berufliche Sichtbarkeit ganz allgemein beeinflussen, auseinanderzusetzen.
Welche praktischen Empfehlungen sollen aus den Projektergebnissen entstehen und an wen richten sich diese?
Am Ende des Projekts werden wir konkrete Handlungsempfehlungen für wissenschaftliche Institutionen und deren Öffentlichkeitsarbeit entwickeln. Wir wollen dazu beitragen, die strukturellen Rahmenbedingen für Sichtbarkeitsprozesse so zu gestalten, dass sich Wissenschaftler*innen unabhängig von ihrem Geschlecht und auf eine Weise, die zu ihnen passt, mit ihrer Forschung sichtbar machen können. Die Ergebnisse sollen dafür in praxisnahen Handreichungen aufbereitet und öffentlich zugänglich gemacht werden.
Wie können Wissenschaftlerinnen selbst von den Erkenntnissen aus dem Projekt profitieren?
Wissenschaftlerinnen können auf zwei Ebenen von unseren Erkenntnissen profitieren: Zum einen indirekt durch bessere Strukturen und Unterstützungsangebote an wissenschaftlichen Institutionen. Zum anderen können unsere Erkenntnisse dazu beitragen, ein Bewusstsein für eigene psychologische Hürden und Ressourcen zu entwickeln. Wenn Wissenschaftlerinnen beispielsweise wissen, welche Ängste oder Überzeugungen ihre Sichtbarkeit beeinflussen können, können sie diese vielleicht besser einordnen und gegebenenfalls gezielt Unterstützungsangebote nutzen.