Projekt im Fokus: Secret Service

Das IFiF-Projekt "Secret Service: Frauen. Forschung. Senckenberg" untersucht und rekonstruiert die historischen und gegenwärtigen Beiträge von Frauen in der Naturforschung und macht diese sichtbar.

So soll die Geschichte der Frauen, welche die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung über die letzten Jahrhunderte geprägt haben, erforscht, dokumentiert und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. 

meta-IFiF sprach mit Historikerin Dr. Luisa Kapp über zentrale Erkenntnisse im Projekt, die nächsten Schritte und innovative Ideen der Wissenschaftskommunikation. 

Im Projekt „Secret Service: Frauen. Forschung. Senckenberg“ wird deutlich, dass Frauen die Naturforschung über Jahrhunderte hinweg mitgeprägt haben. Warum sind die Beiträge vieler dieser Frauen dennoch weitgehend unbekannt geblieben? 

Frauen waren in der Geschichte der Naturforschung keineswegs abwesend. Sie sammelten und präparierten, zeichneten, fotografierten, übersetzten und forschten natürlich auch selbst. Häufig geschah diese Arbeit jedoch in Rollen, die nicht als wissenschaftlich anerkannt wurden. Eine Frau wurde dann beispielsweise als Ehefrau, Assistentin oder Mitarbeiterin bezeichnet – selbst, wenn sie eigenständig forschte. 

Hinzu kommt, dass Wissenschaftsgeschichte lange vor allem über große Namen, leitende Positionen und veröffentlichte Werke erzählt wurde. Frauen hatten aber über viele Jahrhunderte keinen gleichberechtigten Zugang zu Universitäten, wissenschaftlichen Gesellschaften oder bezahlten Stellen. Ihre Ergebnisse erschienen deshalb oft unter dem Namen eines Ehemanns, Kollegen oder Institutsleiters. 

Diese Unsichtbarkeit ist also kein Zufall. Sie ist das Ergebnis historischer und institutioneller Strukturen und auch einer Geschichtsschreibung, die bestimmte Formen wissenschaftlicher Arbeit höher bewertet hat als andere. Wir wollen im Secret-Service-Projekt zeigen: Frauen waren keine seltenen Ausnahmen. Sie waren ein selbstverständlicher Teil der Naturforschung, wurden aber nicht entsprechend erinnert.

Wie schaffen Sie es, diese Frauen aus der (Un)Sichtbarkeit zu holen? Welche Rolle spielen Archive, historische Dokumente und Zeitzeug*innenberichte dabei? 

Zunächst einmal, indem wir sehr genau hinschauen und oftmals wirkliche Detektivarbeit betreiben. Oft finden sich die Frauen nicht dort, wo man sie erwarten würde. Ihre Namen stehen nicht unbedingt auf dem Titel einer Publikation, sondern auf einer Objektkarte, in einem Reisebericht, am Rand eines Briefes oder in einem Sammlungsverzeichnis. 

Wir untersuchen deshalb sehr unterschiedliche Quellen: Personalakten, Korrespondenzen, Fotografien, Reiseunterlagen, wissenschaftliche Zeichnungen, Zugangsverzeichnisse der Sammlungen und private Nachlässe. Erst wenn man diese Spuren miteinander verbindet, wird sichtbar, welchen Anteil eine Frau tatsächlich an einer Forschungsreise, einer Sammlung oder einer wissenschaftlichen Entdeckung hatte. 

Dabei sind auch Gespräche mit ehemaligen und langjährigen Mitarbeiter*innen sehr wichtig. Vieles wurde innerhalb der Institution über Jahrzehnte mündlich weitergegeben, ohne jemals schriftlich festgehalten zu werden. Solche Erinnerungen geben uns wichtige Hinweise und öffnen neue Wege ins Archiv. 

Denn Archive bewahren zwar Geschichte, aber sie bewahren sie nicht neutral. Auch Lücken erzählen etwas. Wenn wir von einer Frau nur den Nachnamen oder die Bezeichnung "Ehefrau des Direktors" finden, ist gerade diese Leerstelle ein Teil ihrer Geschichte. 

Gab es eine Biografie oder Entdeckung, die Sie besonders überrascht hat? 

Besonders eindrücklich finde ich die Geschichte von Wilhelmine Meyer. Sie war mit dem Zoologen und späteren Dresdner Museumsdirektor Adolf Bernhard Meyer verheiratet und begleitete ihn auf Forschungsreisen. Dabei sammelte und präparierte sie selbst zoologische Objekte und leistete einen wichtigen Beitrag zu den ostasiatischen Sammlungen des Museums. 

In der bisherigen Überlieferung erscheint sie dennoch meist nur an der Seite ihres Mannes. Ihre Arbeit wurde als Unterstützung verstanden und nicht als eigenständige naturwissenschaftliche Tätigkeit. Das ist umso bemerkenswerter, weil sogar eine Paradiesvogelart nach ihr benannt wurde. Ihr Name ist also taxonomisch erhalten geblieben, während ihre eigene Biografie fast vollständig hinter der ihres Mannes verschwand. Auch in einer Danksagung eines Museums wird ihre Sammeltätigkeit an Schmetterlingen hervorgehoben, sie entdeckte viele neue Arten. Beschrieben und benannt wurden sie dann von diesem Museum und der Kurator benannte den Schmetterling nach ihrem Mann. Hier verschwindet ihr Name also erneut hinter dem ihres Mannes.  

In Akten im Archiv, bei denen es eigentlich um Wilhelmine Meyers Ansprüche auf die Rente von ihrem Ehemann nach dessen Tod ging, wurde dann dargelegt, welchen großen Anteil sie wirklich an seiner Arbeit hatte. Mich überrascht dabei weniger, dass eine einzelne Frau vergessen wurde. Überraschend ist vielmehr, wie deutlich ihre Arbeit hervortritt, sobald man die vertraute Erzählung verlässt und die Quellen neu liest. Plötzlich wird aus der vermeintlichen Begleiterin eine Sammlerin, Präparatorin und Naturforscherin. 

Welche Formate und Medien setzen Sie ein, um die Frauen und ihre Leistungen für eine breite Öffentlichkeit sichtbar und zugänglich zu machen?   

Wir möchten die Frauen dort sichtbar machen, wo Menschen heute nach Geschichten und Wissen suchen. Deshalb arbeiten wir mit sehr unterschiedlichen Formaten. 

Auf der einen Seite stehen ausführliche historische Biografien, die auf intensiver Quellenarbeit beruhen. Diese erscheinen in verschiedenen Lexika und folgen daher einem akademischen Format. Daraus entstehen kürzere Porträts für die Senckenberg-Website und die sozialen Medien. Wikipedia spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, weil die Plattform für viele Menschen der erste Zugang zu einer historischen Person ist. Ein neuer Eintrag kann darüber entscheiden, ob eine Frau überhaupt auffindbar ist. 

Daneben nutzen wir Podcasts, Vorträge, öffentliche Gespräche und Veranstaltungen mit Studierenden. Wir planen gegen Ende des Projektes auch eine Buchpublikation, die im September 2027 erscheinen soll. Diese wird ausgewählte Lebensgeschichten in einem größeren historischen und visuellen Zusammenhang erzählen.  

Darüber hinaus wird im September die Ausstellung "Secret Service: Frauen in der Naturforschung" am Senckenberg Naturmuseum eröffnet. Was erwartet die Besucher*innen und warum haben Sie sich für dieses besondere Ausstellungskonzept entschieden? 

Viele der Frauen, mit denen wir uns beschäftigen, haben kaum bildliche Spuren hinterlassen. Von manchen existiert lediglich ein formelles Porträt, von anderen gar kein Bild. Vor allem fehlen Fotografien, die sie bei ihrer eigentlichen Arbeit zeigen: beim Sammeln, Präparieren, Beobachten, Zeichnen oder Ordnen wissenschaftlicher Objekte. 

Genau an dieser Stelle setzt die Fotografin Gesine Born an. Die Ausstellung verbindet meine historische Forschung mit fotografischer Inszenierung. Sie schafft Bilder für Situationen, die hätten fotografiert werden können – und vielleicht hätten fotografiert werden müssen. Daher der Titel "Versäumte Bilder". 

Es geht dabei nicht darum, historische Fotografien zu imitieren oder eine Vergangenheit vorzutäuschen. Die neuen Bilder bleiben als heutige künstlerische Annäherungen erkennbar. Sie machen auf sehr direkte Weise sichtbar, was in den Archiven fehlt. 

Die Besucher*innen begegnen also nicht nur außergewöhnlichen Biografien. Sie werden auch mit der Frage konfrontiert, wie unsere Vorstellung von Geschichte durch Bilder geprägt wird: Wen sehen wir im Labor, auf Expeditionen oder vor einer Sammlung? Und wen haben wir uns dort bisher nicht vorgestellt?  

Das Ausstellungskonzept gibt den Frauen keinen erfundenen Platz in der Geschichte. Es zeigt, dass dieser Platz immer schon vorhanden war. Nur das Bild davon fehlte.

Welche Erkenntnisse aus dem Projekt "Secret Service: Frauen. Forschung. Senckenberg" sollten Museen, Forschungseinrichtungen und Wissenschaftsorganisationen mitnehmen, um die Leistungen von Frauen künftig stärker sichtbar zu machen? Wie planen Sie, die Ergebnisse Ihres Projekts nachhaltig zu sichern und zugänglich zu machen? 

Die wohl wichtigste Erkenntnis lautet: Sichtbarkeit entsteht nicht erst bei einer Ausstellung, einer Benennung oder einer Ehrung. Sie beginnt viel früher – bei der Frage, wessen Arbeit dokumentiert, archiviert, benannt und dauerhaft zugänglich gemacht wird. 

Museen und Forschungseinrichtungen sollten deshalb nicht nur nach einzelnen berühmten Wissenschaftlerinnen suchen. Sie müssen auch die Arbeit von Präparatorinnen, technischen Mitarbeiterinnen, Zeichnerinnen, Fotografinnen, Sammlerinnen, Vermittlerinnen und Förderinnen ernst nehmen. Wissenschaft entsteht selten durch eine einzelne Person. Sie ist fast immer das Ergebnis von Zusammenarbeit. Diese Zusammenarbeit muss sich auch in Publikationen, Datenbanken, Objektbeschriftungen und Ausstellungen widerspiegeln. 

Ebenso wichtig ist es, Frauen nicht nur in zeitlich begrenzten Sonderformaten zu zeigen. Ihre Geschichten gehören in die reguläre Erzählung einer Institution – in Dauerausstellungen, Chroniken, Forschungsdatenbanken und digitale Angebote. 

Im Projekt entstehen deshalb biografische Profile mit ausführlichen Quellen- und Literaturangaben. Die Ergebnisse werden über die Website, Wikipedia, Podcasts, Veranstaltungen und die Publikation zugänglich gemacht.  

Nachhaltigkeit bedeutet für uns aber auch, neue Forschung anzuregen. Viele der gefundenen Biografien bieten Stoff für weitere wissenschaftliche Arbeiten. Das Projekt soll daher kein Schlussstrich sein. Es soll die Tür zu einer vollständigeren Geschichte der Naturforschung öffnen.