Frauen in Quantentechnologien und ihre Sichtbarkeit
WomenInQuantumTechProjektleiterin Prof. Dr. Martina Erlemann vom IFiF-Projekt WomenInQuantumTech zeigte erste Forschungsergebnisse zur (Un-)Sichtbarmachung von Wissenschaftlerinnen in den Quantentechnologien.
Quantentechnologien gelten als Schlüsseltechnologien und leisten mit ihren vielfältigen Anwendungsfeldern, z.B. in der Verschlüsselungs- oder Sensortechnik, einen großen Beitrag zur Lösung zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen. Dadurch genießt das Forschungsfeld eine hohe politische und öffentliche Aufmerksamkeit. Gleichzeitig sind Frauen in wichtigen MINT-Fächern für Quantentechnologien, wie Physik oder Informatik, weiterhin deutlich unterrepräsentiert und weniger sichtbar.
Hier setzt das IFiF-Projekt WomenInQuantumTech an. Das Projekt analysiert geschlechterbezogene fachkulturelle Zuschreibungen, die die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen in den Quantentechnologien beeinflussen können. In ihrem Vortrag "Doing (In-)visibility in Schlüsseltechnologien: Erste Einblicke in fachkulturelle Anerkennungsprozesse in den Quantentechnologien" präsentierte Projektleiterin Prof. Dr. Martina Erlemann erste Ergebnisse aus ihrer Forschung.
Ziel von WomenInQuantumTech ist es, beim Wandel der Forschungskultur zu unterstützen, indem unter anderem Handlungsempfehlungen mit und für erfolgreiche Wissenschaftlerinnen in den Quantentechnologien entwickelt werden. So soll langfristig die Sichtbarkeit aktueller und zukünftiger Generationen von Wissenschaftlerinnen verbessert werden. Das Projekt verfolgt dabei einen partizipativen Forschungsansatz. Es werden qualitative Interviews mit Wissenschaftlerinnen durchgeführt, zudem finden teilnehmende Beobachtungen bei Exzellenzclustern der Quantum Alliance statt, mit denen das Projekt kooperiert.
In Fokusgruppen geben Wissenschaftlerinnen anschließend Feedback zu den Befunden aus den Interviews und den Beobachtungen.
Erste Ergebnisse aus den Interviews mit Wissenschaftlerinnen in den Quantentechnologien
Bisher wurden 25 qualitative Interviews mit Wissenschaftlerinnen aus den Quantentechnologien durchgeführt. Zu den Interviewpartnerinnen gehören Wissenschaftlerinnen in Leitungspositionen der kooperierenden Exzellenzcluster der Quantum Alliance, PostDocs sowie Wissenschaftlerinnen außerhalb der Cluster. Die Interviews behandelten drei zentrale Themen:
- Interne Sichtbarkeit auf dem Karriereweg (z. B. durch Preise oder Keynotes)
- Potenzielle negative Effekte von Sichtbarkeit (Hypervisibilität)
- Externe Sichtbarkeit, Erfahrungen mit Wissenschaftskommunikation
In Bezug auf die interne Sichtbarkeit haben die Interviewpartnerinnen unterschiedliche Ansichten. Frauen in Leitungspositionen betonen eher die Notwendigkeit von strategischer Erhöhung der eigenen Sichtbarkeit, während einige jüngere PostDocs Sichtbarkeit wenig Bedeutung zusprechen. Andere sind sich unsicher, ob sie sichtbar genug sind.
Externe Sichtbarkeit umfasst verschiedene Facetten, darunter die Beteiligung an Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation, Medienauftritte oder Politikberatung. Die Mehrzahl der Wissenschaftlerinnen in Leitungspositionen hat Erfahrungen mit externer Sichtbarkeit und einige von ihnen bewerten diese auch als wichtig. Es gibt jedoch auch Vorbehalte gegen Wissenschaftskommunikation der eigenen Forschung. Manche Wissenschaftlerinnen wollen eher innerhalb ihrer Fachcommunity für ihre Arbeit bekannt sein als in der breiten Öffentlichkeit.
Zum Thema Hypervisibilität zeigen erste Ergebnisse der Interviews ein Bewusstsein für das Risiko der Missbilligung durch die Community. Vielen Wissenschaftlerinnen in Leitungspositionen wird vorgeworfen, eine „Quotenfrau“ zu sein. Eine Interviewpartnerin deutet an, dass sie den Eindruck habe, ihre Leitungsfunktion sei insbesondere deshalb vergeben worden, weil gezielt eine Frau gesucht wurde. Dennoch werde sie nicht in wichtige Entscheidungsprozesse ihrer Organisation einbezogen. Viele Interviewpartnerinnen haben Hypervisibilität aufgrund ihres körperlichen Erscheinungsbildes erfahren, wobei es unterschiedliche Umgangsformen damit gibt. Manche fühlen sich unfair behandelt, andere distanzieren sich davon und nehmen es als Empowerment auf, Kleidung zu tragen, die ihnen gefällt.
Neben den Interviews wurden bereits fünf teilnehmende Beobachtungen und eine Fokusgruppe durchgeführt. Die Ergebnisse der Fokusgruppe sollen in die nächste Interviewrunde einfließen.
Insgesamt zeigt der Vortrag das Spannungsfeld in dem sich Wissenschaftlerinnen in den Quantentechnologien bewegen: Auf der einen Seite sind sie weniger sichtbar als ihre männlichen Kollegen und auf der anderen Seite fallen sie aufgrund ihres Geschlechts besonders auf und erleben Hypervisibilität.