Projekt im Fokus: Innovationen! Frauen. Energie. (IFE)
Mit dem IFiF-Projekt „Innovationen! Frauen. Energie.“ setzt sich WECF Deutschland dafür ein, die Sichtbarkeit von Frauen und FLINTA* im Energiesektor zu stärken und neue Zugänge zu MINT- und Energiethemen zu schaffen. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere junge FLINTA*, die durch Vorbilder, digitale Formate und niedrigschwellige Informationsangebote für die Energiewende begeistert werden sollen.
Zu den zentralen Projektergebnissen zählen die Wissensplattform energie-revolte.org mit ihrer "Wall of Fame" für historische und aktuelle Pionier*innen, eine interaktive Deutschlandkarte zu Bildungs- und Berufsmöglichkeiten sowie Social-Media-Aktivitäten auf TikTok.
Im Interview sprechen die Projektverantwortlichen über ihre Erfahrungen bei der Ansprache junger Zielgruppen, den Einsatz verschiedener Kommunikationskanäle und die Herausforderungen, komplexe Energie- und MINT-Themen verständlich und attraktiv aufzubereiten.
Kurz zum Projekthintergrund: Wie ist die aktuelle Situation im Energiesektor und warum ist es wichtig, vielfältige Perspektiven und Talente für die Energiewende zu gewinnen?
Aufgrund von Gender-Stereotypen in MINT und strukturellen Ungleichheiten, beispielsweise. dem Gender Pay Gap und Gender Pension Gap, sind FLINTA* im Energiesektor unterrepräsentiert und haben weniger Entscheidungsmacht. Zu nicht-binären Personen gibt es eine mangelnde Datenlage, aber hinsichtlich der Repräsentanz von Frauen zeigt sich ein Anteil von 30 Prozent im deutschen Energiesektor. Laut einer Studie von PwC waren es Stand 2025 14,3 Prozent Frauen in Führungspositionen von Energieunternehmen, obwohl durch die Energiewende neue Funktionsbereiche hinzugekommen sind1.
Wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zusammengebracht werden, bedeutet das erstmal auch, ein realistisches Abbild der Gesellschaft zu schaffen.
Diversere Teams treffen oft langfristigere, gerechtere und ökologischere Entscheidungen, weil sie mehr Lebensrealitäten kennen und diese beispielsweise beim Design von Produkten berücksichtigen.
Auf den Energiesektor kann sich das wie folgt übertragen: viele Energietechnologien orientieren sich an einer spezifischen Zielgruppe; es sind oft technikaffine cis Männer aus dem wohlhabenden Milieu, die sich beispielsweise eine App selbst (um-)programmieren, um ihre PV-Anlage auf dem Einfamilienhaus zu monitoren2. Oder die Energiepolitik begünstigt den Bau von Autobahnen, Tankstellen für E-Autos, anstatt für eine gestaffelte Senkung der Energiepreise einzustehen, die sich an Menschen mit niedrigen Gehältern orientiert.
Neben den tatsächlichen technischen Skills, die es zum Beispiel für den Bau des Windrads oder der PV-Anlage braucht, bedarf es vieler Talente im Energiesektor. Menschen, die organisieren und andere Menschen zusammenbringen, die über Erneuerbare Strom- und Wärmeversorgung informieren, Social-Media-Kanäle gestalten oder im Gremien-Ausschuss für Energiefragen sitzen.
Beim IFE-Projekt, aber auch bei WECF, fordern wir, dass soziale und Gender-Gerechtigkeit über das Argument der Repräsentanz hinausgehen müssen. Das heißt, "mehr Frauen an den Tisch bringen" ist nicht immer die Lösung. Langfristig bedarf es einer Umwandlung der Strukturen und der Berücksichtigung weiterer Aspekte wie Alter, sozioökonomischer Status oder Migrationsbiografie.
Das Projekt Innovationen! Frauen. Energie. ist eines der wenigen IFiF-Projekte, das sich gezielt an junge Menschen richtet. Welche Rolle spielen Vorbilder dabei, junge Frauen und FLINTA* für den Energiesektor zu begeistern?
Die Beeinflussung ist insbesondere in jungen Jahren stark, wenn Jugendliche und Kids ihre Interessen ausbilden, aber auch stark auf eine Freund*innen-Gruppe oder ein Netzwerk angewiesen sind.
Zum einen sind solche Orte der Beeinflussung die Schule, denn die Schule ist zeitintensiv und die eigene Laufbahn wird geprägt. Oft sind dann die Fächer für Schüler*innen interessant, die von "coolen" Lehrer*innen geleitet werden, wenn Lehrer*innen das eigene Potenzial der Schüler*innen erkannt haben oder wenn die eigenen Freund*innen das Fach für gut befinden. Zum anderen wird Social Media nun zu einem Parallelraum neben der Schule, in dem sich nicht nur Freund*innen und Mitschüler*innen austauschen, sondern auch Peer Groups, die nicht am eigenen Wohnort sind. Es gibt viele digitale Informationsräume, viele unkontrollierte Räume, in denen Kids und Jugendliche nochmal stark beeinflusst werden. Vorbilder spielen in diesen Räumen eine zentrale Rolle. Zum einen zeigt sich, dass Mädchen kaum Bekannte oder weibliche Verwandte haben, die in MINT-Berufen arbeiten. Über ein Drittel kennt gar keine*n, der oder die mit MINT beruflich zu tun hat3.
Mensch kann nicht werden, was mensch nicht sieht.
Hier wirkt der Kerngedanke "Mensch kann nicht werden, was mensch nicht sieht". Junge FLINTA* denken beim Energiesektor ggf. oft automatisch an cis Männer auf Baustellen oder an Ingenieure, da dieses Stereotyp sich zum einen hartnäckig hält und zum anderen auch gewissermaßen der Realität entspricht, da statistisch beinahe ausschließlich Männer auf Baustellen arbeiten. Wenn nun aber neue Wege gedanklich aufgemacht werden, indem Role-Models sichtbar sind, zeigt dies auch ganz unterschiedliche Bereiche auf, in denen Mädchen und genderqueere Kids aktiv und erfolgreich sein können. Dann wird es eine Option im Kopf.
Bei IFE ist uns wichtig, dass mit "Role Model" nicht automatisch ein gradliniger Karriere-Weg gemeint ist, dass es nicht perfekte Erfolgsgeschichten sein müssen. Wir möchten auch Umwege, Umschulungen, Zweifel und Hürden, die die Role Models überwunden haben, greifbar machen. Diese sollen ermutigend und nicht abschreckend wirken.
Mit der Plattform energie-revolte.org, der "Wall of Fame" und dem TikTok-Kanal haben Sie unterschiedliche Formate entwickelt. Was hat sich als besonders wichtig erwiesen, um junge Zielgruppen erfolgreich anzusprechen?
Entscheidend war, die Ansprache gemeinsam mit jungen Menschen zu entwickeln. In Workshops haben wir ihre Perspektiven in Sprache und Design einbezogen. Bewährt haben sich kurze Videos, niedrigschwellige Slider und eine glaubwürdige Person vor der Kamera, die möglichst nah an der Lebenswelt der Zielgruppe ist und Inhalte auf Augenhöhe vermittelt. Unsere Social-Media-Angebote erzielten insgesamt mindestens 2.129 Likes, 71 Kommentare und 79 erfasste Shares. Das zeigt eine gute Sichtbarkeit; künftig möchten wir noch stärker zu aktiven Reaktionen wie Kommentaren und zum Teilen von Beiträgen anregen.
Um Jugendliche zu erreichen, braucht es auch Kontakte zu Schulen, Bildungseinrichtungen und anderen Orten, an denen sie bereits aktiv sind. Die verschiedenen Angebote ergänzen sich dabei – Social Media weckt Interesse, während die Plattform vertiefende Informationen und konkrete Orientierung bietet.
Warum haben Sie sich für den Social Media-Kanal TikTok entschieden – und welche Besonderheiten gibt es dort zu beachten? Welche Learnings konnten Sie dabei mitnehmen?
Zum Zeitpunkt der Antragstellung war TikTok das zentrale Medium der Gen Z. Zugleich werden dort Vorstellungen von Weiblichkeit über Trends ausgehandelt und politische Positionen verbreitet – darunter antifeministische Narrative, konservative Geschlechterbilder und Kritik an der Energiewende. Deshalb ist es wichtig, diesen digitalen Raum aktiv mitzugestalten.
Darüber hinaus wirkt TikTok erstmal kurzweiliger und niedrigschwelliger und lässt einen anderen Humor zu als beispielsweise LinkedIn.
Wir sind sehr stolz darauf auf TikTok 46.734 Videoaufrufe, eine Reichweite von 40.305, 1.280 Likes und rund 56 Stunden Wiedergabezeit erzielt zu haben. Besonders gut funktionieren kurze, persönliche, emotionale und kreative Inhalte. Sie müssen nicht hochprofessionell oder akademisch wirken; Nahbarkeit kann die Hemmschwelle sogar senken.
Komplexe Themen verständlich, gleichzeitig aber auch anschaulich und interessant aufzubereiten, ist nicht immer einfach. Vor welchen Herausforderungen standen Sie bei der Aufbereitung von Energie- und MINT-Themen für Ihre junge Zielgruppe?
Bereits die Verbindung von Gender- und Energiefragen ist erklärungsbedürftig – auch für ein älteres oder akademisch-geprägtes Publikum. Für eine junge Zielgruppe mussten wir deshalb stark reduzieren, ohne Inhalte unzulässig zu vereinfachen. Hilfreich waren konkrete Anknüpfungspunkte aus dem Alltag und der Popkultur, beispielsweise Film- oder Comic-Tipps.
Die größte Herausforderung bestand darin, ein eher akademisch geprägtes Thema niedrigschwellig und nahbar zu vermitteln, ohne anbiedernd oder "cringe" zu wirken. Dazu kam die notwendige Balance zwischen den formalen Anforderungen und Zielen des Projekts einerseits und den tatsächlichen Interessen der Jugendlichen andererseits. Beides lässt sich nicht immer vollständig miteinander vereinbaren.
Erschwert wurde die Arbeit außerdem durch begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen. Innerhalb der Förderrichtlinie gab es nur wenig Austausch mit vergleichbaren Projekten und damit kaum erprobte Beispiele, an denen wir uns bei dieser speziellen Zielgruppenansprache orientieren konnten. Viele Formate mussten wir daher selbst entwickeln, testen und weiter anpassen.
Welche Erkenntnisse aus dem Projekt werden Ihrer Meinung nach auch über den Energiesektor hinaus für die Ansprache und Förderung junger Zielgruppen relevant sein?
Eine zentrale Erkenntnis ist, junge Menschen nicht nur als Zielgruppe zu betrachten, sondern sie aktiv an der Entwicklung von Inhalten zu beteiligen. Im besten Fall sind junge Personen Teil des Teams und gestalten den Content selbst. So fließen ihre Lebensrealitäten, Fragen und Perspektiven unmittelbar ein.
Darüber hinaus muss Kommunikation an den Orten stattfinden, die Jugendliche ohnehin nutzen. Wer gesellschaftliche Themen vermitteln und etwa die Akzeptanz erneuerbarer Energien stärken möchte, muss deshalb auch auf Plattformen wie TikTok präsent sein und dort dialogfähig bleiben.
Interesse allein genügt jedoch nicht. Jugendliche brauchen konkrete nächste Schritte: verständliche Empfehlungen, erreichbare Ansprechpersonen sowie Hinweise auf Bildungsangebote, Berufe und Institutionen. Gute Ansprache sollte deshalb nicht nur informieren und motivieren, sondern unmittelbar zeigen, wie und wo junge Menschen selbst aktiv werden oder sich weiter orientieren können.
1 PwC (2025). Frauen in der Energiewirtschaft: Gleichberechtigung, Führungsstrukturen, Zukunftsperspektiven, frauen-in-der-energiewirtschaft-gleichberechtigung-fuehrungsstruktur-zukunftsperspektiven.pdf (03.09.2026).
2 vgl. auch Striebing, C. (2023). Das Geschlecht der Energiewende: Wie Stereotype eine erfolgreiche Transformation verhindern. In: Fraunhofer IAO, Das Geschlecht der Energiewende: Wie Stereotype eine erfolgreiche Transformation behindern – Fraunhofer IAO – BLOG (03.09.2026).
3 IU Internationale Hochschule (2022). Kurzstudie 2022. MINT-Bildung. Was junge Frauen darüber denken, Junge_Frauen_in_MINT_Kurzstudie.pdf (21.09.2026).