Projekt im Fokus: INNOVATORIN

Um gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen zu können, sind soziale Innovationen besonders bedeutsam. Obwohl Frauen in diesen Innovationsfeldern stark vertreten sind, werden ihre Ideen und Leistungen häufig nicht als Innovationen wahrgenommen. Gleichzeitig erfahren soziale Innovationen in Öffentlichkeit und Medien oft weniger Aufmerksamkeit als technologische Neuerungen.

Projekt im Fokus INNOVATORIN. Interview mit Julia Arnold und Judith Zadek.

Das IFiF-Projekt INNOVATORIN untersucht, unter welchen Bedingungen soziale Innovatorinnen sichtbar werden und Anerkennung erfahren. Auf Grundlage von Interviews mit Innovationsträgerinnen und Medienschaffenden entwickelt das Projekt Handlungsempfehlungen und ein Umsetzungsmodell, um die Sichtbarkeit von Frauen in sozialen Innovationsfeldern nachhaltig und strukturell zu verankern. 

meta-IFiF sprach mit Julia Arnold und Judith Zadek über das Projekt, die Bedeutung von sozialen Innovationen sowie die bisherigen Erkenntnisse und Ergebnisse.  

Unter technischen Innovationen können sich viele Menschen etwas vorstellen. Doch was genau verstehen Sie unter sozialen Innovationen? Können Sie uns einige Beispiele nennen? 

Die Bundesregierung definierte soziale Innovationen in ihrer 2023 verabschiedeten Nationalen Strategie für soziale Innovationen und gemeinwohlorientierte Unternehmen wie folgt: "Soziale Innovationen umfassen vor allem neue soziale Praktiken und Organisationsmodelle, die zu tragfähigen und nachhaltigen Lösungen für die Herausforderungen unserer Gesellschaft beitragen." 

Vereinfacht gesagt geht es also um neue Wege, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Das können neue Formen der Zusammenarbeit, der Organisation oder des gesellschaftlichen Zusammenlebens sein. Aber auch neue Produkte oder technische Lösungen können Teil einer sozialen Innovation sein, wenn sie dazu beitragen, gesellschaftliche Herausforderungen auf neue Weise zu lösen und damit Veränderungen im sozialen Handeln ermöglichen. 

Dabei sind soziale Innovationen keineswegs ein neues Phänomen. Viele Ansätze, die heute selbstverständlich zu unserem Alltag gehören, waren zu ihrer Entstehungszeit soziale Innovationen. Dazu zählen beispielsweise Gewerkschaften oder Sozialversicherungen. Damit wurden neue Wege geschaffen, um gemeinsame Interessen zu vertreten oder soziale Risiken gemeinschaftlich abzusichern. 

Auf unserer Projektwebsite (www.innovatorin.ovgu.de) stellen wir zahlreiche soziale Innovatorinnen aus Sachsen-Anhalt vor, die ganz unterschiedliche Lösungsansätze für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen entwickelt haben. 

Frauen sind in sozialen Innovationsfeldern stark vertreten. Warum werden sie mit ihren Ideen und Leistungen dennoch häufig nicht als Innovatorinnen wahrgenommen und erhalten wenig öffentliche Aufmerksamkeit? 

Sozial innovative Frauen werden mit ihren Ideen häufig nicht als Innovatorinnen wahrgenommen, da Innovation noch immer stark mit technologischer Entwicklung in Verbindung gebracht wird. Neue Praktiken in Bildung, Pflege, Inklusion oder beispielweise Gemeinwesenarbeit werden hingegen oft als Engagement oder Fürsorge verstanden, obwohl sie neue Lösungen hervorbringen und gesellschaftliche Strukturen verändern. Die mediale Berichterstattung verstärkt diese Schieflage, da die Aufmerksamkeit hier insbesondere technologischen Innovationen gilt, und somit oft männliche Einzelpersonen hervorgehoben werden. Die geringe öffentliche Sichtbarkeit ist das Ergebnis struktureller Bedingungen und kultureller Anerkennungshürden.

Im Projekt unterscheiden Sie zwischen "Sichtbar-Sein", "Sichtbar-Machen" und "Sichtbar-Werden". Was verbirgt sich hinter diesen drei Aspekten und warum ist diese Unterscheidung wichtig? 

Die drei Aspekte helfen uns unterschiedliche Perspektiven auf Sichtbarkeit einzunehmen: 

"Sichtbar-Sein" beschreibt den Zustand der Wahrnehmbarkeit der sozialen Innovatorin bzw. ihrer innovativen Tätigkeit in bestimmten Kontexten und für bestimmte Personenkreise. 

"Sichtbarmachung" bezeichnet gezielte Handlungen oder Praktiken, mit denen Sichtbarkeit hergestellt oder erhöht werden soll. Diese Aktivitäten können von der Innovatorin selbst oder von Dritten, wie beispielsweise Medien, Netzwerken oder Institutionen, initiiert werden. 

"Sichtbar-Werden" richtet den Blick auf den Prozess und somit auch auf Aspekte, die beeinflussen, ob, wann und wodurch Sichtbarkeit entsteht oder sich verändert. Dazu gehören Aktivitäten der Sichtbarmachung, aber auch äußere Rahmenbedingungen wie beispielsweise gesellschaftliche und politische Entwicklungen, mediale Aufmerksamkeit, institutionelle Strukturen oder Förderprogramme. Damit geraten auch Mechanismen in den Blick, die von den Innovatorinnen selbst nur begrenzt bzw. gar nicht beeinflusst werden können.  

Sie befragen sowohl soziale Innovationsträgerinnen als auch Medienschaffende. Wie gehen Sie bei der Untersuchung vor und welche unterschiedlichen Erkenntnisse gewinnen Sie durch diese beiden Perspektiven? 

Um die Sichtbarkeit sozialer Innovatorinnen möglichst umfassen zu untersuchen, beziehen wir unterschiedliche Perspektiven ein. Einerseits haben wir 40 problemzentrierte Interviews mit sozialen Innovationsträgerinnen aus Sachsen-Anhalt durchgeführt. Dabei interessiert uns zum Beispiel, wie die Frauen ihre Sichtbarkeit erleben und gestalten. Welche Praktiken werden genutzt? Welche Gelingensbedingungen und Barrieren erleben die Frauen? Welche Akteur*innen haben Einfluss und wie werden digitale Medien genutzt? 

Zudem haben wir zehn Expertinneninterviews mit Medienschaffenden durchgeführt. Während bei den Interviews mit den Innovationsträgerinnen ihre persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen im Mittelpunkt stehen, betrachten wir Medienschaffende als Expert*innen für mediale Auswahl-, Darstellungs- und Vermittlungsprozesse. Dabei wurde beispielsweise untersucht, wie die Sichtbarkeit von sozialen Innovatorinnen durch die unterschiedlichen sozialen Medien gesteigert werden kann und welche Rolle Redaktionspläne dabei spielen. 

Welche individuellen, strukturellen und kulturellen Faktoren können die Sichtbarkeit sozialer Innovatorinnen fördern oder hemmen? Was haben Sie diesbezüglich bereits herausgefunden?  

Auf individueller Ebene spielt beispielsweise das Verhältnis der Innovatorin zur eigenen Sichtbarkeit eine wichtige Rolle. Nicht alle möchten selbst als Person im Mittelpunkt stehen. Vielmehr soll häufig die soziale Innovation und die dahinterstehende Teamleistung sichtbar werden. Gleichzeitig zeigen die Interviews, dass Sichtbarkeit bewusst gestaltet wird. Die Innovatorinnen wägen ab, zu welchem Zweck und in welcher Form Sichtbarkeit sinnvoll ist.  

Zwar können Netzwerke oder persönliche Kontakte zu Medienvertreter*innen dazu beitragen, die Innovatorin und ihre Arbeit dort sichtbar zu machen, wo es für ihr jeweiliges Anliegen wichtig ist, in welcher Form entsprechende Sichtbarkeitsaktivitäten aber umgesetzt werden können, hängt wiederum von den verfügbaren finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen ab. Hier zeigen sich strukturelle Bedingungen, die Sichtbarkeit fördern und begrenzen können.  

Auf der kulturellen Ebene zeichnet sich ab, dass Sichtbarkeit aber nicht nur eine Frage des persönlichen Engagements und der vorhandenen Ressourcen ist. Bezogen auf die breite öffentliche Wahrnehmung zeigt sich, dass gesellschaftliche Entwicklungen und damit einhergehende Veränderungen in der öffentlichen Aufmerksamkeit dazu führen, dass bestimmte Themen zeitweise stärker in den öffentlichen Fokus rücken. Wie sichtbar soziale Innovationen in der breiten Öffentlichkeit werden, hängt somit auch davon ab, welchen Themen gesellschaftliche Relevanz zugeschrieben wird. 

Das Projekt richtet seinen Blick gezielt auf Innovationsträgerinnen in und aus Sachsen-Anhalt. Welche Besonderheiten bringt dieser regionale Fokus mit sich und welche Rolle spielen regionale Netzwerke, Unterstützungsangebote und Medien für die Sichtbarkeit der Frauen? 

Der regionale Fokus ist für uns besonders interessant, weil viele soziale Innovationen dort entstehen und wirken, wo konkrete gesellschaftliche Herausforderungen sichtbar werden. Die Innovatorinnen entwickeln beispielsweise Angebote und neue Lösungsansätze für Probleme, die sie in ihrem unmittelbaren Umfeld wahrnehmen. Entsprechend sind ihre Aktivitäten häufig stark lokal oder regional verankert und auf die jeweiligen Bedingungen vor Ort zugeschnitten. Gleichzeitig sind soziale Innovatorinnen bei der Umsetzung ihrer Ideen häufig auf die Zusammenarbeit mit der jeweiligen Kommune angewiesen.  

Regionale Netzwerke und Medien tragen dazu bei sozialen Innovationen vor Ort bekannt zu machen, Kontakte zu relevanten Akteur*innen herzustellen und Themen in die regionale Öffentlichkeit zu tragen. Der Blick auf Sachsen-Anhalt ermöglicht es uns somit, Sichtbarkeit nicht losgelöst vom jeweiligen Umfeld zu betrachten. 

Wie planen Sie, die Ergebnisse Ihres Projekts nachhaltig zu sichern und zugänglich zu machen?  

Uns ist wichtig, die Ergebnisse des Projekts nicht nur wissenschaftlich aufzubereiten, sondern sie auch über die Projektlaufzeit hinaus für unterschiedliche Personenkreise zugänglich und nutzbar zu machen. Dafür setzen wir auf verschiedene Formate. 

Bereits seit November 2025 berichten wir auf unserem LinkedIn-Kanal über das Projekt und Themen rund um soziale Innovation und Sichtbarkeit. Seit Oktober 2026 stellen wir dort zudem regelmäßig soziale Innovatorinnen vor. Ausführlichere Porträts der Frauen finden sich auf unserer Projektwebsite, auf der ihre Arbeit und ihre sozialen Innovationen langfristig sichtbar bleiben sollen. 

Mit YouTube-Videos und einem browserbasierten Matching Game haben wir darüber hinaus Formate entwickelt, mit denen wir insbesondere junge Frauen und Mädchen in Bildungseinrichtungen erreichen möchten. Sie lernen darüber soziale Innovatorinnen aus Sachsen-Anhalt, ihre Ideen und die gesellschaftlichen Herausforderungen kennen, für die die Innovatorinnen Lösungen entwickelt haben. 

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Transfer unserer Forschungsergebnisse und die Ableitung von Handlungsempfehlungen. In einer Konsensuskonferenz im Juni 2026 haben wir erste Ergebnisse gemeinsam mit den beteiligten Innovatorinnen diskutiert und erste Handlungsfelder abgeleitet. Daran schließt im Februar 2027 eine Vernetzungskonferenz an, bei der die bisherigen Erkenntnisse weiter konkretisiert und die Innovatorinnen untereinander aber auch mit weiteren relevanten Akteur*innen aus Kommunen und Medien in den Austausch gebracht werden. Den Abschluss bildet eine Abschlusskonferenz im September 2027, auf der die zentralen Projektergebnisse vorgestellt werden.